Träumer und Trödler

- "Eigentlich ist Philipp auf allen Mauern seines Lebens eine Randfigur, eigentlich besteht alles, was er macht, aus Fußnoten, und der Text dazu fehlt. Etwas in der Art, etwas in dieser jämmerlichen Schönschreibart . . ." Am Ende des Romans "Es geht uns gut", für den der österreichische Autor Arno Geiger gerade mit dem frisch "erfundenen" Deutschen Buchpreis gekürt wurde, sitzt der Schriftsteller Philipp Erlach auf dem Dachfirst seines Hauses und reitet wie ein kleiner Bub auf der Fantasie in die Welt hinaus. Der Träumer und Trödler, jetzt, 2001, 36 Jahre alt, hat von Oma Alma eine alte Villa geerbt. Er mit all seiner "familiären Unambitioniertheit" landet in dem leer stehenden Familiengehäuse.

Angefüllt mit Möbeln, in denen die Erinnerungen hausen, die er aber nicht haben will. Angefüllt der Speicher mit einer grausigen Masse aus Taubenkot und sonstigem Unrat. Dachboden: nicht ein Raum der Spinnweb-verhangenen Nostalgie, sondern ein Ekelkabinett der Natur.

Je mehr seine tüchtigen, zugleich unnachahmlich skurrilen Helfer Steinwald und Atamanov, ein ukrainischer Hochzeiter, und er das Haus ausräumen, umso mehr erfährt der Leser von Philipps Familie. Erster Rücksprung auf 1982, Dienstag, 25. Mai: Alma Sterk, die Mutter von Philipps Mutter Ingrid, geleitet uns in das Dasein einer älteren Frau, einer klugen Frau mit großer innerer Wärme. So viel (selbst-)ironisches Schmunzeln Arno Geiger (Jahrgang 1968) seinem Philipp entgegenbringt, so viel Hochachtung erweist er Alma. Sie wird 1938 und 1955, 1962, 1982 und 1989, junge Mutter und Greisin, geschildert. Ihr Mann, der Herr Minister a. D., hat Alzheimer, die Kinder Otto und Ingrid sind tot, und die Enkel kümmern sich nicht. Aber da ist kein bedauernswertes Weiberl, da ist vielmehr eine starke Persönlichkeit, die mit Schicksalsschlägen genauso ruhig und nachdenklich umgeht wie mit ihren Bienenvölkern. Geiger ist mit ihr eine ganz wunderbare Figur gelungen.

"Eigentlich besteht alles, was er macht, aus Fußnoten."

Arno Geiger

Diese großartige, jedoch leise, nie aufgemotzte Vielschichtigkeit haben die Männer nicht. Aber an ihnen lässt sich Geschichte gut erzählen - auch Geistesgeschichte, der Wandel von Einstellungen: Soziologie, leicht und blitzgescheit serviert. Richard Sterk, Anti-Nazi - hervorragend demonstriert an einer alltäglichen Arisierungsepisode -, später Minister, unemanzipierter Ehemann, sturer Vater. Peter Erlach, Hitlerjunge, dem am Weißen Sonntag, 8. April 1945, eine Welt zerschossen wird. Ihn wird Ingrids Liebe halten, so dass er nach ihrem frühen Tod nicht mehr der Verlierer sein wird als den ihn alle sehen, sondern ein guter Vater für Sissi und Philipp und ein angesehener Verkehrsexperte.

Ihnen wie auch Ingrid - dem aufmüpfig liebenden Mädchen, der einfühlsamen Ärztin, der tollen Hausfrau-Mutter - lässt Geiger an den ihnen zugewiesenen, exakt datierten Erzähl-Tagen detailliert Gerechtigkeit widerfahren. Er erzählt unangestrengt, unartifiziell, schon gar nicht besserwisserisch, er entwirft Episoden, die jeder aus dem Familienalltag kennt, sodass uns ihre Bedeutung klar wird: epochenspezifisch und zugleich überzeitlich. Die unterschiedlichen Perspektiven (je Figur) rücken Leid, Lust und Schuldzuweisungen in ein übergeordnetes Licht. Es entsteht die Gelassenheit des "Es geht uns gut" - obwohl doch so viel Verlust, so grausamer Schmerz zu beklagen ist - es entsteht "eine ängstliche, ihn (Philipp, Anmerkung d. Red.) gleichzeitig beschämende Glücksempfindung".

Arno Geiger: "Es geht uns gut". Carl Hanser Verlag, München/ Wien, 390 Seiten; 21, 50 Euro.

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