Tragikomische Wortgefechte

- Er sei doch "sozusagen ohne familiäre Bande". Wie vom Donner gerührt wiederholt sich Johannes Seidel ein ums andere Mal die schmerzhafte Formulierung aus dem Brief der Firma Krause & Sohn. Weil er, der Architekt fader Industriehallen, doch nun "ohne familiäre Bande" sei, komme ihm das Angebot, besagte Industriehallen für einige Jahre in Brasilien zu bauen, doch sicher gelegen, schreibt ihm sein Boss.

<P>Johannes weiß sehr wohl, was da dick und fett zwischen den Zeilen steht: Den Umstand, dass Johannes gerade von seiner Lebensgefährtin Lisa verlassen wurde, will sein Arbeitgeber nutzen, um den Endfünfziger aufs Altenteil ins Ausland abzuschieben. Aber dabei hat Herr Krause die Rechnung ohne Johannes' Mutter Martha gemacht.<BR><BR>Hintergründiger Humor</P><P>Ob diese "familiären Bande" allerdings ausreichen, ihn in seiner Heimat zu halten, oder ob nicht eher eine verzweifelte Flucht angesagt ist - diesen Konflikt schildert Bernd Schroeder in seiner Erzählung "Mutter & Sohn" mit scharfem Blick fürs Alltägliche und hintergründigem Humor. Zuletzt hatte Schroeder seine feinen Beobachtungen allzu menschlicher Verhaltensweisen auf die Tierwelt übertragen und damit im Gespann mit seiner Frau Elke Heidenreich den Bestseller "Rudernde Hunde" gelandet. Der Reiz seines neuen Werkes liegt in dem furiosen, kammerspielartigen Duell, das sich seine Protagonisten liefern.<BR><BR>Just nachdem Johannes besagten Brief erhalten hat, ruft ihn seine Mutter an und bestellt ihn mit tränenerstickter Stimme zu sich. Als er in Marthas Wohnung ankommt, muss er schockiert feststellen, dass sie im Rollstuhl sitzt. Eine medizinische Erklärung dafür hat sie noch nicht parat, aber der Beschützerinstinkt des Sohnes ist geweckt. Wäre da nur nicht Marthas unerträgliche Pedanterie, ihre Engstirnigkeit, ihre Besserwisserei. Und vor allem der an den Wahnsinn grenzende Kult um die tote Tochter Franziska, die, am Beginn einer Sangeskarriere stehend, mit 24 im LSD-Rausch aus dem Fenster sprang. <BR><BR>Im tragikomischen, scharfen Wortgefecht zwischen Mutter und Sohn lässt Bernd Schroeder pointiert so manchen Konflikt durchscheinen, in dem sich viele Leser wiedererkennen dürften. Die Suche nach Anerkennung und Liebe bei den Eltern zum Beispiel, egal wie alt man ist und wie wenig man sich diese Abhängigkeit eingesteht. Und wie weh es tut, wenn dieses Bedürfnis nicht gestillt wird. Obwohl die unverbesserliche Mutter und der etwas jämmerliche Sohn alles andere als perfekt sind, betrachtet Schroeder seine Figuren mit zwar ironischem, aber doch liebevollem Blick. Das verleiht dem kleinen, schlichten Buch große menschliche Wärme.</P><P> Am berührendsten wird die Erzählung in den zarten Momenten, in denen die Mutter für kurze Zeit allein in der Wohnung zurückbleibt. In den Gesprächen mit sich selbst - oder mit der toten Franziska - streift sie die Maske der krittelnden Alten ab. Das schnurlose Telefon, das ihr Johannes geschenkt hat, hat Martha gerade noch verächtlich als überflüssigen Schnickschnack abgetan. Jetzt, wo ihr Sohn sie nicht mehr sieht, fährt sie stolz mit dem Hörer in der Hand durch die ganze Wohnung.<BR><BR>Mag man die familiären Bande auch als beengend, unzulänglich oder lästig empfinden - ein Sohn bleibt eben ein Sohn, und eine Mutter eine Mutter. </P><P>Bernd Schroeder: "Mutter & Sohn". <BR>Carl Hanser Verlag, München. 164 Seiten, 15,90 Euro.<BR></P>

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