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„Eine meiner besten Karten ist, dass ich expressiv sein kann“: Ermonela Jaho als Suor Angelica in der Inszenierung von Lotte de Beer.

Interview mit der Sopranistin Ermonela Jaho

Die Tragödie als Therapie

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In der Titelrolle der „Suor Angelica“ war sie das zentrale Ereignis der Premiere von Puccinis „Il trittico“ an der Bayerischen Staatsoper. Wir sprachen mit der Sopranistin Ermonela Jaho über ihren Münchner Auftritt, gelebte Träume und die Eigenart albanischer Frauen.

Ermonela Jaho.

München – Wer Ermonela Jaho engagiert, bekommt keine Stimmbesitzerin, sondern ein kleines Gesamtkunstwerk. Hochemotional sind ihre Rollenporträts, die Sopranistin riskiert Grenzgänge – was auch mit ihrer Biografie zu tun hat. Ermonela Jaho stammt aus Albanien, zog später nach Italien und lebt mittlerweile mit ihrem Mann in der Nähe von New York.

Hier in München singen Sie gerade Ihre zweite Suor Angelica. Die erste war in einer für Sie schwierigen Zeit.

Ermonela Jaho: Ja. Das war in London, als ich für Anja Harteros eingesprungen bin. Meine Mutter war gerade gestorben, das war für mich sehr, sehr hart. Doch zugleich waren diese Vorstellungen wie eine Art Katharsis. Eine Art Therapie. Bei der zweiten Serie in London ging es viel besser. Ich sehe das im Grunde ganz positiv. Wir sind doch Menschen. Und wir sind in der Lage, Emotionen herauszulassen – warum sollten wir das also nicht tun? Das Publikum will es doch auch. Wenn jemand nur seine wunderbare Stimme vorführt, dann reicht das für zehn, fünfzehn Minuten. Doch dann muss eine andere Dimension dazukommen.

Dennoch bestand 2017 für Sie fast nur aus „Madame Butterflys“ und „Traviatas“. Wie kann denn so etwas passieren?

Ermonela Jaho: Ich habe das etwas spät realisiert. Die Verträge wurden ganz allmählich unterschrieben, und irgendwann war dieser Terminplan komplett. Mancher mag kritisieren: „Über 30 Mal hat sie in ihrer Karriere schon Cio-Cio-San gesungen, das ist doch verrückt.“ Mir ist klar, dass ich ein lyrischer Sopran bin. Aber die Titelheldin ist immerhin erst 15. Auch Manon Lescaut ist eine sehr junge Frau. Ich möchte dem Stereotyp entgegenwirken, dass man für diese Partien eine Riesenstimme braucht. Puccini erfordert Farben, Nuancen, nicht unbedingt Kraft.

Dann dürften Sie ja Dauerverhandlungen mit Dirigenten führen.

Ermonela Jaho: Ich bin froh, dass ich mittlerweile in der Situation bin, dass ich mir das erlauben kann. Eine meiner besten Karten auf der Bühne ist, dass ich expressiv sein kann – was nichts mit Lautstärke zu tun hat. Ich kenne meine Grenzen. Und innerhalb derer versuche ich, meinen Traum zu leben.

Den Sie schon als Kind in einem isolierten, politisch hochproblematischen Albanien hatten?

Ermonela Jaho: Ja. Und er ging auf wundersame Weise in Erfüllung. Ich will mich nicht beklagen, aber die Übersiedlung nach Italien für das weiterführende Gesangsstudium war eine Befreiung in jeglicher Hinsicht. Obwohl ich in Rom eine Krise durchmachte: Es hieß zunächst, ich sei ein Mezzo, vielleicht wegen der dunklen Klangfarbe. Das funktionierte überhaupt nicht. Ich musste bei null anfangen, die Stimme Ton für Ton neu aufbauen und vor allem Geld für die Ausbildung zusammenkratzen. Vielleicht ist das alles sogar ein Vorteil: Man kann sich auf der Bühne anders ausdrücken und die Situationen seiner Figuren anders erspüren, wenn im Leben nicht alles glatt lief. Auch wenn das jetzt sehr melodramatisch klingt, habe ich doch eines gelernt: Ich versuche, immer im Heute zu leben. Wer weiß schon, was morgen ist? Warum Angst vor der Zukunft haben? Ich weiß, das ist ein bisschen verrückt. Aber ich denke mir oft, wenn ich auf die Bühne gehe: Handle so, als ob es dein letzter Auftritt ist. Ich weiß auch, dass ich nicht ewig auftreten kann. Ich bin jetzt 43, singe seit 25 Jahren und habe mich von der Barockmusik zu Puccini vorgetastet.

Was bedeutet, dass man auch von vielem Abschied nehmen muss. Trauern Sie dem Barock und Mozart nach?

Ermonela Jaho: Ja. Ich singe mich immer noch ein, als ob ich eine Barockpartie vor mir habe. Und ich arbeite in den USA weiter mit einer Lehrerin, wir sind Freundinnen geworden. Es geht in solchen Stunden ja nicht darum, kleine Kratzer zu beseitigen. Der Körper, das Muskelspiel, all das verändert sich ständig. Es ist, als ob man dauernd den Führerschein neu machen muss.

Ihre erste „Traviata“ haben Sie in Tirana mit 17 gesungen. War das nicht ein bisschen früh?

Ermonela Jaho: Das stimmt. Es war ein Experiment, auch um zu erfahren, wie weit ich gehen konnte. Natürlich singe ich sie jetzt anders, bewusster. Ich stimme übrigens nicht denjenigen zu, die meinen, die Rolle erfordere eigentlich drei Sopranistinnen. Die Partie verlangt schlicht alles das, was eine Sopranistin braucht. Hohe Noten, Flexibilität, Belcanto-Fähigkeiten und die richtige Kraft-Dosierung in jeder Lage.

Sie wohnen mit Ihrem Mann in Long Island. Sind Sie zur US-Amerikanerin geworden?

Ermonela Jaho: Nur vom Pass her. Aber im Herzen und in der Seele bin ich noch Albanerin. Jede Heimat gibt einem schließlich Entscheidendes mit.

Was war das bei Ihnen?

Ermonela Jaho:Die Entschlossenheit. Die Frauen bei uns sind geradlinig, durchsetzungsfähig, manchmal auch kompromisslos. Einfach, weil sie lernen mussten, sich in dieser Gesellschaft zu behaupten. Meine Großmutter war eine Kämpferin, meine Mutter auch. Nichts wurde ihnen geschenkt. Ich habe gelernt, dass nichts im Leben unmöglich ist. Nicht von ungefähr kommt Mutter Teresa schließlich aus Albanien.

Weitere Informationen: 

Unsere Premierenkritik zu Puccinis „Il trittico“ an der Bayerischen Staatsoper lesen Sie hier.

Die Live-Übertragung von „Il trittico“ ist am 23. Dezember, 19 Uhr, hier zu sehen.

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