Tragödie kann ich nicht

- "Was wir nicht wollen, das sind die Clowns. Es ist ja bei ,Warten auf Godot schon alles gespielt, alles ausgelotet, in alle Richtungen. Von großen Schauspielern an großen Theatern bis zu Off-Off und Schüleraufführungen. Wir werden jetzt nichts Neues erfinden, sondern wir werden ganz einfach unsere Geschichte erzählen." Das sagt Lambert Hamel, der den Estragon spielt, nur wenige Tage vor der Beckett-Premiere am Silvesterabend im Münchner Residenztheater. "Es sieht ja sowieso jeder etwas anderes in dem Stück." Was der Beleg dafür ist, dass es sich hier nur um einen Klassiker handeln kann.

<P class=MsoNormal>Der berühmteste Klassiker ohne Handlung. Ein Werk des Stillstands, in dem es um nichts weiter geht, als darum, zwei Menschen zuzusehen - im Nichtstun, im sich gegenseitig Mut machen, im Warten auf irgendetwas. Eine verzweifelt komische, alltägliche Situation. Denn, so Hamel, "wir warten doch alle auf etwas, um vom einen zum nächsten Nichts zu kommen. Wenn ich das frühmorgens sehe: Alle rennen zur gleichen Zeit aus ihren Häusern, stürzen zur gleichen Zeit in die U-Bahn, verschwinden zur gleichen Zeit in irgendwelche grauen Bürohäuser. Und abends retour dasselbe. Das ist so absurd. Was passiert, wenn da mal einer ausbricht? Wir merken ja in diesem Galopp gar nicht, dass wir unsere Zeit selbst vergaloppieren."</P><P class=MsoNormal>Dass die Premiere von "Warten auf Godot" auf Silvester fällt, erscheint Hamel ganz passend: "Das ist eben die Ambivalenz des Stückes; wir alle warten - an diesem Abend zum Beispiel auf den Jahreswechsel."</P><P class=MsoNormal>Mit der Rolle des Estragon fügt Lambert Hamel seinem Arsenal großer Bühnenfiguren eine weitere wichtige hinzu. Dafür aber hat er sich von anderen verabschiedet - von Sosias, von Agamemnon, dem Strindberg-Vater, sogar von Titus Andronicus. Geblieben ist allein der Theatermacher. Hatte er diese über so langen Zeitraum gespielten Vorstellungen etwa satt?</P><P class=MsoNormal>Hamel: "Nein, aber fünf große Rollen - das ging nicht mehr, zumal die Stücke doch relativ selten angesetzt waren. Alle sieben Wochen Titus, da bin ich nur am Textrepetieren. Ich möchte aber nicht noch am Abend etwas für den Text tun müssen. Sie wissen, ich bin ein Genuss-Schauspieler. Es muss mir Spaß machen. Ich will nicht bloß Erfüller der Rolle sein. Ich brauche den Genuss, ohne ihn nämlich wäre Schauspieler ein blöder Beruf."</P><P class=MsoNormal>Lambert Hamel, der im nächsten Jahr 65 wird, der nach wie vor - und das seit 16 Jahren - den alten "Theatermacher" genießt, zieht künstlerische Kraft heute aus der Zusammenarbeit mit der jüngeren Regie-Generation. Zwei ihrer prominentesten Vertreter: Elmar Goerden, der "Warten auf Godot" inszeniert, sowie "Phädra"-Regisseurin Barbara Frey.</P><P class=MsoNormal>Hamel, der darin den Theseus spielt: "Ich kann keine Tragödie, habe ich zu ihr gesagt; für Tragödie sind am Residenztheater andere zuständig, nicht ich. Und was ist das schon? In der Einsamkeit allein ist die Geschichte des Theseus vielleicht eine Tragödie; aber sobald jemand auch nur zusieht, verwandelt sie sich zur Komödie. Das hatte Kortner über Othello und die Taschentuchaffäre gesagt. Aber die Frey hat Recht behalten mit ihrem Argument: ,Bedenke, sagte sie, ,der Theseus ist schon durch den Acheron gegangen. Und ich merke, da ich älter bin, immer stärker die Wechselseiten von Ereignissen, die Identität von Komik und Tragik. Darum freue ich mich auch so riesig darüber, dass Barbara Frey mich in den ,Geschichten aus dem Wiener Wald für die Salzburger Festspiele und danach fürs Residenztheater mit dem Zauberkönig besetzt hat."</P><P class=MsoNormal>"Wir kommen nur weiter, wenn wir der jungen Generation zuhören."<BR>Lambert Hamel</P><P class=MsoNormal>Ebenso über die Tatsache, dass Regisseur Goerden in "Warten auf Godot" nun zum zweiten Mal mit ihm arbeitet. Hamel: "Es geht darum, aufmerksam zu sein, wie ein Vierzigjähriger die Geschichte eines Stücks erzählen will. Dann ist man nämlich plötzlich ganz offen und sagt nicht einfach: Ich kann das schon. Nein, ich leiste mir im Moment mit großem Genuss, mit den Jungen zu arbeiten und die Rolle so zu spielen, wie sie sie sehen. Denn ich weiß: Wir kommen nur weiter, wenn wir der jungen Generation zuhören." In dieser Verbindung würde Hamel auch gerne eine Traumrolle erarbeiten - Kleists Dorfrichter Adam. Dafür ginge er sogar nach Bochum, gastweise versteht sich, wo Elmar Goerden ab der nächsten Saison Intendant ist.</P>

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