Der Trank der Unsterblichkeit

München - Von feuriger Liebhaberei und königlichem Pomp: Großartige Schau in der Pinakothek der Moderne.

"Sie hat keinen leichten Stand in der Öffentlichkeit: Die Grafik ist eine leise, leichte Kategorie, der vordergründiges Auftrumpfen fremd ist." Sagt Michael Semff, Leiter der Graphischen Sammlung München. Und trumpft gleichzeitig in der Pinakothek der Moderne mit so einem überbordenden Bestand anlässlich des 250. Bestehens auf, dass es einem den Atem verschlägt. Über 200 Werke aus einem 400 000 Blatt großen Bestand tummeln sich da an den eigens gebauten Wandbögen, alle großen Namen sind in feinsten Ausprägungen vorhanden. Und nicht nur das: Ganz nebenbei wird auch mit einer ungewöhnlichen Hängung ein Stück Kunstgeschichte erzählt, das mit feuriger Liebhaberei, vielen selbstlosen Gönnern und königlichem Pomp verbunden ist.

El Grecos muskulöse Verkörperung des Tages (um 1570) hängt der intimen, mit wenig treffsicheren Strichen hingeworfenen Skizze von Rembrandts kranker Frau (um 1638) gegenüber. Bei Raffael umgarnt ein Engel die Psyche, die gerade von Merkur den Trank der Unsterblichkeit bekommt (1517/18), während Andrea Mantegnas "Tanzende Muse" (um 1459) in Braun mit Weißhöhungen plastisch, aber weniger grazil Bein zeigt. Rubens pralles Leben hier, Antoine Watteaus dekadentes Geplänkel da, Tizians sich aufbäumendes Reiterbild dort und wiederum französische Landschaftseleganz bei Claude Lorrain weiter drüben: Allein die Sammlung des Kurfürsten Carl Theodor ist berückend. Mit Einsatz eines Kurators 1758 und mit Überführung der Blätter von Mannheim nach München 1777 wurde eine Basis gelegt, die bis heute eine geniale Fortführung gefunden hat.

Das aktuelle Pendant dazu folgt im nächsten Abschnitt der Ausstellung mit einem akzentuierten Kontrastprogramm: Die Bestände des Herzogs Franz von Bayern, 1984 als Dauerleihgabe überlassen, beruhigen die frühe Pracht mit kühler, reduzierter Moderne. Georg Baselitz stellt hier seinen blauen Mann mit Ball auf den Kopf (1981), Blinky Palermo montiert Schwarz und Rot in den 70er-Jahren zu immer neuen Kombinationen, Sigmar Polke zaubert mit seinen Umrisslinien-Kartoffelköpfen (um 1965) ein Lächeln auf die Lippen. Wenn Penck 1968 das knallrote Ich einem schwarzen, riesigen Kosmos gegenüberstellt, ist das quasi ein Spiegelbild des Betrachters in der Sammlung: Aufregung herrscht angesichts der Menge an großer Kunst, die einen selbst plötzlich ziemlich klein vorkommen lässt.

Wie viele Gönner und Mäzene für das Konglomerat der Gegensätze nötig waren, wird beim Weitergehen klar: Kunst aus Bayerns Klöster und Königshäuser konkurriert mit zahlreichen Privatstiftungen. König Ludwig I. ließ Johann Georg Dillis italienische und griechische Antike in zarten Farben und akkuratem Strich als Souvenirs importieren. Ludwig II. schwelgte eher in der fulminanten Pracht eines Anselm Feuerbachs. Der Weg zu aktuellen Kunst war also auch schon geebnet.

Vor allem der Vereinigung der Freunde der Graphischen Sammlung ist ein steter Ausbau der modernen Bestände zu verdanken: Franz Marcs betörende "Leda und der Schwan" (1908) mag hier als Beispiel dienen. Dass aber auch exquisite Werke wie die doppelseitige Hallein-Landschaft (1520) aus dem Altdorfer-Umkreis gekauft wurde, verweist auf die glückhafte Bestände-Erweiterung. Sei es die Kade-Sammlung mit verblüffenden Rembrandts und Dürers oder die Schenkung Fohn mit Marcs Blauen Pferden und dem ganzen Aufgebot der klassischen Moderne: Wer die Graphiksammlung unterstützte, schloss sich immer dem hohen Niveau an. Daran knüpft sich am Ende der Schau der dringende Wunsch, dass das auch weiterhin möglich sein möge.

Bis 29. Juni 2008.

Katalog 98 Euro. Telefon: 089/ 23 80 53 60.

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