Transparenz und Logik

- Hochhäuser mochte er gar nicht, er akzeptierte sie höchstens als Notlösung. Trotzdem baute er eines: den 100 Meter hohen "Langen Eugen" am Bonner Rheinufer für die 450 Abgeordneten, 120 Sekretariate und 20 Ausschusssäle des Bundestages. Zur Verfügung stand 1965 nur ein viel zu kleines Grundstück am Rheinufer.

Viel lieber hätte Egon Eiermann (1904-70) ein niedriges Terrassenhaus in die offene Landschaft gesetzt - ähnlich wie sein Kanzleigebäude der Deutschen Botschaft im Diplomatenviertel von Washington (1958-64). Das dortige Hanggrundstück war durch zwei Straßen und die Botschafter-Residenz ebenfalls eng begrenzt.

Bei der Planung einer Nachfolgerin für die vom Krieg weitgehend zerstörte Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wehrte sich Eiermann lange und vergeblich gegen die Erhaltung der Ruine des Hauptturms - bis er dem Protest der Öffentlichkeit nachgab und seine Baukörper daneben setzte (1956-63): Stahlskelettkonstruktionen, die ausgefacht wurden durch eine rasterförmige Betonverglasung.

In Stuttgart erlag Eiermann den Wünschen des Kaufhauskönigs Horten, das 1926-28 durch Erich Mendelsohn errichtete Kaufhaus Schocken abzubrechen und an dessen Stelle einen Kasten mit der nun für alle Filialen verbindlichen Ummantelung durch ein Wabenraster zu setzen (1959-61). Zum Bruch mit dem zahlungskräftigen Auftraggeber kam es erst, als Eiermann vergeblich die Urheberrechte an seiner Ornamentfassade zu erstreiten versuchte. Er hatte eigens 60 mal 60 Zentimeter große Keramiksteine aus zwei gewölbten, einander kreuzenden Keramik-Formsteinen entwickelt.

Mit der jetzt ins Nürnberger Neue Museum übernommenen Ausstellung von Modellen, Skizzen, Planzeichnungen, Fotos und schriftlichen Quellen, von Sitzmöbeln und anderen originalen Einrichtungsstücken Egon Eiermanns ("Die Kontinuität der Moderne") werden Fragen angeregt zum Verhältnis von Auftraggeber und Architekt. Überprüft werden die hohen moralischen Ansprüche, die er seinen Bauten zugrunde legte, um sie zugleich als Professor an der TH Karlsruhe (1947-70) möglichst vielen Nachkömmlingen zu vermitteln.

Eine Ära der schwebenden Leichtigkeit

Unbestritten bleiben die Verdienste dieses einstigen Meisterschülers Hans Poelzigs um ein positives Erscheinungsbild der Bundesrepublik Deutschland während der Nachkriegsjahrzehnte. Mit ihren grazilen Stahlkonstruktionen, flachen Dächern und Rundum-Verglasungen, mit ihren filigranen Umgängen und variablen Jalousien bildeten die acht durch Stege miteinander verbundenen deutschen Pavillons der Brüsseler Weltausstellung von 1958 (gemeinsam mit dem Münchner Sep Ruf) den Beginn einer Ära der gleichsam schwebenden Leichtigkeit, der hellen Transparenz und Heiterkeit.

Die von Eiermann entworfenen Sitz- und Liegemöbel wurden zu Klassikern der internationalen Moderne: sein berühmter Klappstuhl SE 18 ebenso wie die tief eingewölbte Sitzschale, sein Korbsessel des Prototyps E 10 von 1952, seine später in Serie produzierten Kirchenstühle mit ihren Gurtbespannungen, seine Stahlrohrstühle und die vielen nützlichen, formschönen Design-Stücke für Wohnung und Büro.

Alle Prinzipien klarer Grundrisse und rechter Winkel, die Verbindung von Innenraum und Natur, die ästhetische Geometrie des Maßstäblichen und die solide handwerkliche Logik mündeten 1959-62 in seinem von japanischen Vorbildern inspirierten eigenen Wohnhaus in Baden-Baden.

Bis 25. September, Tel. 0911/24 02 00, Katalog: 24 Euro.

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