Im Trapez spielen

- Wer seinen Namen hört, denkt sofort einen zweiten mit: den Ludwig van Beethovens. Immerhin hat Rudolf Buchbinder als einer der wenigen großen Pianisten unserer Zeit alle 32 Klaviersonaten im Programm. Beethoven ist aber nur eine Facette im Repertoire Buchbinders: Gepriesen wurden unter anderem seine Aufnahme des Klavierwerks Joseph Haydns und seine CD mit Transskriptionen von Johann-Strauß-Walzern. Heute Abend spielt Buchbinder im Gasteig mit dem Residentie Orkest den Haag unter Jaap van Zweden Johannes Brahms' zweites Klavierkonzert.

<P>Lieben Sie Brahms?<BR><BR>Buchbinder: Auch wenn ich allergisch gegen alle Versuche bin, mich in irgendwelche Schubladen einordnen zu lassen: Natürlich ist Brahms einer der Mittelpunkte meines musikalischen Lebens. Wie Beethoven und viele andere. Brahms' Klaviermusik steht ja immer noch in dem Ruch, etwas sperrig zu sein.<BR><BR>Woran liegt das?<BR><BR>Buchbinder: Um Brahms zum Klingen zu bringen, braucht man eine ganz eigene Griff- und Akkordtechnik. Wenn man Original-Ausgaben und Partituren aus dem Besitz von Brahms zurate zieht, wie ich es für die beiden Klavierkonzerte getan habe, kommt man außerdem zu dem Schluss, dass er selbst seine Werke viel transparenter vorgetragen haben muss, als wir uns das heute vorstellen. Vor allem im Pedaleinsatz ist Brahms sehr ökonomisch und präzise - ganz anders als etwa Beethoven: Der hat eigentlich dauernd auf dem Pedal gestanden. Was natürlich auch mit seiner Taubheit zu tun hatte.<BR><BR>Hat Ihre Einspielung der Brahms-Konzerte mit Nikolaus Harnoncourt Ihre Haltung verändert?<BR><BR>Buchbinder: Harnoncourt und ich haben während der ganzen Arbeit "sehr gleichmäßig geatmet", das heißt, wir hatten keine Schwierigkeiten, uns über die Interpretation zu verständigen. Ich habe mir für jedes der beiden Konzerte jeweils etwa ein Jahr Vorbereitungszeit genommen. Mein Ziel war, an die Stücke heranzugehen, als würde ich sie zum ersten Mal spielen, und da kommt doch einiges in Bewegung. So ein Umbau ist viel schwerer als ein Neubau . . .<BR><BR>Neben dem "kanonisierten" klassisch-romantischen Repertoire haben Sie in den letzten Jahren auch Gershwin oder Johann Strauß gespielt: Ausflüge oder eine Neuausrichtung?<BR><BR>Buchbinder: Wie gesagt: Schubladendenken ist mir völlig fremd. Schon der Begriff "Wiener Klassik" ist ja ein Unsinn - die armen Teufel, wenn die das gewusst hätten, dass sie 100 Jahre später zu "Wiener Klassikern" stilisiert würden! Und in Europa neigen wir immer noch zu solchen Allgemeinplätzen, rümpfen die Nase über Strauß und den angeblich seichten Gershwin. Dabei ist sein Concerto in F eines der großartigsten Klavierkonzerte des 20. Jahrhunderts. Und Strauß halte ich für einen der genialsten Komponisten der ganzen Musikgeschichte.<BR><BR>Also ein Plädoyer für einen möglichst weiten Horizont.<BR><BR>Buchbinder: Wer Musik macht, sollte sich geistig nicht einengen, sondern sich zu den Dingen einen offenen Zugang erhalten. Ich begeistere mich seit meiner Jugend, wo ich sogar einen privaten Jazzkeller hatte, für den Jazz und so genannte Unterhaltungsmusik. Ich bewundere etwa Frank Sinatra, Oscar Peterson oder die Filmmusik der Chaplin-Streifen.<BR><BR>Hängt mit dieser Philosophie der Offenheit auch Ihre Entscheidung zusammen, prinzipiell nicht mehr im Studio aufzunehmen, sondern nur noch Live-Konzerte aufzeichnen zu lassen?<BR><BR>Buchbinder: Wenn man Stücke im Studio erarbeitet, fühlt man sich einfach zu sicher, da geht viel Spontaneität verloren. Wer Musik macht, muss etwas wagen: Nur wenn man hoch oben im Trapez hängt und ohne Netz, dann hält das Publikum wirklich den Atem an.</P><P>Das Gespräch führte Andreas Grabner<BR></P>

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