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Harper Lee im Jahr 2007, als George W. Bush sie mit der Presidential Medal of Freedom auszeichnete, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten.

Nachruf

Trauer um Harper Lee: "Die berühmte Unbekannte"

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Monroeville - Trauer um Harper Lee, die mit „Wer die Nachtigall stört“ einen Welterfolg schrieb – und hinter ihrem Werk verschwand.

Es ist ja nicht so, dass sie die Einzige im Literaturbetrieb gewesen wäre, die hinter ihrem Werk verschwunden ist. So wollte etwa ihr Kollege J. D. Salinger nach dem Welterfolg seines „Fänger im Roggen“ (1951) von der Öffentlichkeit eigentlich nur noch eines: seine Ruhe.

Auch Harper Lee blieb jahrzehntelang stumm, nachdem sie 1960 ihren Debütroman „Wer die Nachtigall stört“ veröffentlicht hatte – sieht man einmal von einer Handvoll Essays ab. Sie zog sich in ihre Heimatstadt Monroeville im US-Bundesstaat Alabama zurück – ihr Buch eroberte derweil die Herzen der Leser auf der ganzen Welt. Rund 40 Millionen Mal hat sich die „Nachtigall“ bis heute verkauft; der Roman, für den Lee 1961 den Pulitzerpreis erhielt, wurde in 40 Sprachen übersetzt und ist seit Jahrzehnten Schullektüre in den USA. Die Verfilmung brachte Gregory Peck als Anwalt Atticus Finch 1963 den Oscar als bester Hauptdarsteller.

Harper Lee wurde zur Legende und zur bekanntesten Unbekannten der Literatur des 20. Jahrhunderts. Gründe für ihr Schweigen hat die Tochter eines Anwalts, die 1926 als jüngstes von vier Kindern geboren wurde, nie genannt. Kaum mehr weiß man über ihr Leben: Sie hat zunächst Jura studiert, bevor sie nach New York ging und dort mit dem Schreiben begann. Aus Kindertagen kannte sie Truman Capote, den sie bei den Recherchen zu dessen auf einem wahren Mordfall beruhenden Roman „Kaltblütig“ (1965) unterstützte. Lee setzte Capote mit Dill, dem stets leicht exzentrischen Sommerferienfreund von Scout, in „Wer die Nachtigall stört“ ein literarisches, treffendes Denkmal.

Ein aufrüttelndes Plädoyer gegen Rassismus

Das aufgeweckte Mädchen, in dem unschwer die Autorin zu erkennen ist, erzählt diese Geschichte, die sich in den Dreißigerjahren im kleinen Maycomb im Süden der USA ereignet: Scout plaudert von ihrem Leben mit ihrem älteren Bruder Jem, den Ferien mit Dill, berichtet von Kinderstreichen und von der seltsamen Welt der Erwachsenen – bis sich nach und nach ein Prozess in den Mittelpunkt der Geschichte schiebt: Atticus Finch, der alleinerziehende Vater von Scout und Jem, ist Rechtsanwalt und verteidigt einen zu Unrecht wegen Vergewaltigung einer Weißen angeklagten Schwarzen. Mit dem bewundernden Blick der Tochter wird Atticus zum Sinnbild des Gerechten: aufrichtig, unbestechlich, seiner Zeit weit voraus: „Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen“, sagt er an einer Stelle. Mit Sätzen wie diesen machte Harper Lee ihren Atticus nicht nur für die Ich-Erzählerin Scout zum Helden, sondern auch für ihre Leser.

„Wie jedes Meisterwerk lässt sich der Roman auf verschiedenen Ebenen lesen“, urteilte Felicitas von Lovenberg im Nachwort zur deutschen Neuübersetzung der „Nachtigall“, die im vergangenen Jahr erschien: „als aufrüttelndes Plädoyer gegen Rassismus und für Zivilcourage, als Auseinandersetzung mit einem Rechtssystem, das keine Unvoreingenommenheit garantiert, als Porträt des ,Southern way of life‘ und als Entwicklungsgeschichte des Wildfangs Jane Louise ,Scout‘ Finch.“

Da das Buch bis heute weltweit die Menschen fasziniert, da seine Autorin immer mehr in Vergessenheit geriet, wurde im vergangenen Jahr die Nachricht, Harper Lee veröffentliche einen zweiten Roman, als Sensation gefeiert. Doch so groß die Erwartungshaltung – so groß war bei vielen die Enttäuschung, als „Gehe hin, stelle einen Wächter“ herauskam. Das Manuskript entstand vor „Wer die Nachtigall stört“, setzt aber 20 Jahre nach den dort erzählten Ereignissen ein: Im Süden der USA wehren die Weißen sich heftig gegen das neue schwarze Selbstbewusstsein: Scout kehrt aus New York nach Maycomb zurück und muss erkennen, dass auch ihr Vater nicht frei von Vorurteilen ist. Das Denkmal Atticus bekommt Risse – für Scout und für den Leser.

Atticus, der Superheld

Die junge Frau im Roman kommt damit kaum klar, irrt planlos durch den Ort. Manchen Fans von „Wer die Nachtigall stört“ ist es nach der Lektüre von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ähnlich ergangen. Das Buch basiert auf einem Manuskript, das Harper Lee mit „Atticus“ betitelte und 1957 bei einem Verlag einreichte: Dort war man angetan, empfahl der jungen Autorin jedoch, Scouts Kindheitserinnerungen auszubauen – Lee schrieb um und erschuf Atticus als Mann ohne Fehl und Tadel. Als, seien wir ehrlich, Superhelden – erstrebenswert, doch unrealistisch. Natürlich ist der „Wächter“ letztlich unfertig, weniger ausgefeilt und gelungen als die „Nachtigall“. Doch dieses Buch erzählt von der wichtigen Erkenntnis, dass das Leben sehr viel komplizierter ist, als die Unterscheidung von Schwarz und Weiß. Oder, wie es Scouts Onkel Jack an einer Stelle formuliert: „Es ist schwer, zu sehen, was wir sind.“

Jetzt ist die jahrzehntelang Schweigende im Alter von 89 Jahren sehr krank in einem Altersheim in Monroeville für immer verstummt. Sie hinterlässt zwei Romane, die auch künftige Generationen von Lesern berühren, verstören, verzaubern werden. Was will, was darf man sich mehr von Literatur erhoffen?

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