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Zum Tod von Sempé: Merci, Genie!

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Von: Michael Schleicher

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Sempé an seinem Arbeitstisch in seinem Haus in Paris.
Sempé in seinem Atelier in Paris. © STEPHANE DE SAKUTIN/dpa

Jean-Jacques Sempé ist tot. Der Zeichner und Illustrator, der etwa „Der kleine Nick“ schuf, ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Unser Nachruf:

Natürlich obliegt es dem kleinen Nick, seiner wohl berühmtesten Figur, den ersten Gedanken dieses Textes zu formulieren: Einmal haben Nick und seine Freunde, der Otto, der Franz, der Georg und all die anderen, eine richtige Bande gegründet. „Die Unbesiegbaren“ nannten sie sich, eh klar – und ihre Parole lautete: „Unüberwindlicher Mut“. Zum ersten Treffen kam der Nick, dieser aufgeweckte Dreikäsehoch, natürlich prompt unpünktlich. „Ich war ein bisschen spät dran, nämlich die Lehrerin hatte mich noch dabehalten, weil ich einen Fehler in der Rechenaufgabe hatte – das muss ich Papa sagen, damit er besser aufpasst.“ Zum Glück wusste er aber das Codewort – im Gegensatz zu Chlodwig, was beinahe in einer herrlichen Balgerei geendet hätte.

Sempé: Am 17. August wäre er 90 geworden

Das ist aber eine andere Geschichte. Denn vielleicht ist mit diesen wenigen Zeilen schon alles gesagt über den zeitlosen Zauber, die Menschenkenntnis, die präzise Beobachtungsgabe und den feinen Witz, die das Werk von Jean-Jacques Sempé auszeichnen. Nun trauert nicht nur der kleine Nick um seinen Schöpfer. Wenn es stimmt, dass der Himmel weinen kann, ist jetzt der Augenblick dafür: Am Donnerstag, 11. August 2022, ist Sempé gestorben – wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag, den er am kommenden Mittwoch hätte feiern können.

„Der kleine Nick“ schuf Sempé mit René Goscinny

Die Kinderbuchreihe „Der kleine Nick“, geschrieben von René Goscinny, dem Vater von „Asterix“, und illustriert von Sempé, erschien zwischen 1959 und 1964. Sie machte den Künstler berühmt – und beglückt bis heute alle: jene, die selbst lesen; jene, die vorlesen; jene, die zuhören. Es ist aber auch ein wundervolles Leben, das Nick und seine Freunde führen. Ganz anders als das von Sempé. Er sei zwar das „schönste Baby von Bordeaux“ gewesen, erinnert er sich 2011 in dem Prachtband „Kindheiten“. Das wird nach seiner Geburt bei einem Wettbewerb sogar amtlich bestätigt – doch der kleine Jean-Jacques, der am 17. August 1932 zur Welt kommt, ist in furchtbaren Umständen aufgewachsen. Das uneheliche Kind lebt bei brutalen Pflegeeltern, dann holt seine Mutter es zurück. Seinen Stiefvater, Monsieur Sempé, mag der Bub eigentlich – das habe er aber nie zeigen können, „wegen meiner Mutter, die immer böse auf ihn war und mich deshalb daran hinderte, ihn zu lieben“. Der Mann ist dem Alkohol zugetan, verträgt selbigen jedoch nicht: „Er war einfach nicht mehr dieselbe Person.“ Für Jean-Jacques, seine Halbbrüder und -Schwestern ist das der Horror. „Glauben Sie, dass es jemandem egal sein kann, wenn er sieht, wie Vater und Mutter sich verdreschen? Ich glaube das nicht“, fragt er und sagt: „Meine Kindheit war wirklich alles andere als lustig. Das ist gewiss der Grund dafür, dass ich das Heitere liebe.“ Mit den Abenteuern des kleinen Nick wird sich der Künstler später immer auch versichern, dass es eben doch gut ausgehen kann. „Mein großer Traum war ein Fahrrad. Und mein sehnlichster Wunsch war ein normales, ruhiges Familienleben.“

Sempé wollte eigentlich Jazzer werden

Wer die Not erkennt, die aus diesem Zitat spricht, weiß, warum Sempé sein Leben früh selbst in die Hand nimmt. Er träumt davon, Jazzer zu werden – wie Duke Ellington, Dizzy Gillespie oder Charlie Parker, die er als Bub im Radio hört. Doch er wird Zeichner und Karikaturist und es dauert ein bisschen, bis er von der Kunst leben kann. Erste Illustrationen und Cartoons veröffentlicht er Anfang der Fünfzigerjahre, damals noch unter dem Pseudonym DRO, das sich vom englischen Verb „to draw“, also „zeichnen“, ableitet. In Frankreich werden „Paris Match“, „Marie Claire“, „L’Express“ und das Comic-Magazin „Pilote“ auf ihn aufmerksam. Dann klopfen bald die ausländischen Redaktionen beim Franzosen an: der „Punch“ aus London, die „New York Times“ und von 1978 an immer wieder der „New Yorker“. Mehr als 50 Titelbilder gestaltet er für das renommierte Heft.

Patrick Süskind und Sempé schufen „Herrn Sommer“

Künstlerisch gelingt es Sempé, den Menschen in seiner Unvollkommenheit zu erfassen. Mit gewissenhafter Beobachtung, einem Blick fürs Wesentliche und seinem feinsinnigen Humor hält er uns allen den Spiegel vor: in unserer Verschrobenheit, mit unseren Ecken, Kanten, Neurosen, Ängsten, unserer Hybris, unserer Not, aber auch unserer Lebenslust. Wie kein anderer Zeichner bannt der Franzose das Wesen des Daseins – und verliert darüber nie seinen warmherzigen Blick. Das zeigt sich in seinem Stil. Sempé ist kein lauter Künstler, keiner, der klotzt und den kraftvoll-mächtigen Strich bevorzugt. Im Gegenteil: Hauchzart sind seine Zeichnungen, oft ausschließlich in Tusche gearbeitet. Wenn er koloriert, sind das behutsame Aquarelle – durchscheinend und dennoch von herrlicher Prägnanz. Ein Beispiel dafür ist „Die Geschichte von Herrn Sommer“, die Novelle entsteht 1991 mit dem Schriftsteller Patrick Süskind und erzählt von einem rätselhaften, stummen Spaziergänger, der mit einem leeren Rucksack durch die Welt und das Leben zieht.

Sempé: „Das Einzige, was zählt, ist das Gefühl“

„Ich glaube, das Einzige, was zählt, ist das Gefühl“, hat der Zeichner einmal gesagt und erklärt: „Bei allem anderen weiß man nicht, woran man eigentlich ist, oder man weiß nur zu gut, woran man ist.“ Vermutlich sind seine besten Arbeiten daher jene, die direkt ins Herz zielen. Das Bild des älteren Mannes in der grünen Badehose etwa, der da mit ausgebreiteten Armen an einem menschenleeren Strand so tut, als sei er ein Flugzeug. Glücklich, selbstversunken. Sempé ist tot. Und wenn es einen Trost gibt, dann vielleicht diesen hier: Wir alle können und dürfen Teil der Bande des kleinen Nick und seiner Freunde sein. Für immer. Die Parole lautet „Unüberwindlicher Mut“. Wir werden sie nicht vergessen. Niemals.

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