Traum von der Dreieinigkeit

- Münchens Ballett(omanen)-Szene im Aufruhr der Emotionen. Gerüchte köcheln, Spekulationen zirkulieren: Wird der Vertrag von Staatsballett-Chef Ivan Liska über 2006 hinaus verlängert oder gibt es einen Neuanfang? Und wenn, mit wem? Während die Nachfolge von Staatsopern-Intendant Peter Jonas mit Christoph Albrecht, seit Saisonbeginn Präsident der Bayerischen Theaterakademie, längst festgezimmert ist, hat Bayerns Kunstminister Thomas Goppel vorerst nur kundgetan, dass er sich in der Ballettchef-Frage Zeit lassen will.

<P>Der Minister will sich<BR>erst Überblick verschaffen</P><P>Ist nachvollziehbar. Überstürzung tut selten gut. Vor allem, da diese Entscheidung allein auf seinen Minister-Schultern liegt. Mit der Unabhängigkeit des Balletts, 1989 von Staatsballett-Gründerin Konstanze Vernon erkämpft, hat der Hausherr im Nationaltheater in Sachen Ballett nicht mehr mitzureden _ was Christoph Albrecht, vor seiner Dresdener Opern-Intendanz (1991-2003) John Neumeiers langjähriger Betriebsdirektor, gar nicht so behagt: "Ich bedauere es, dass ich weder administrativ noch künstlerisch in das Staatsensemble hineinwirken kann", gesteht der bekennende Ballett-Enthusiast.</P><P>Selbstverständlich berate man sich jetzt in der Ballettchef-Frage mit Albrecht und auch mit anderen Experten, verlautet aus dem Ministerium. Und: Der Kunstminister müsse sich ja erst einmal Ein- und Überblick in die Vielzahl der ihm unterstellten Institutionen verschaffen. Klingt umsichtig. Andererseits kann man sich schlecht vorstellen, dass ein an Musik, Oper und Theater leidenschaftlich interessierter Mann wie Goppel nicht Bescheid weiß über das Staatsballett. Nüchterne Schlussfolgerung: Wäre der amtierende Ballettdirektor Ivan Liska ohne Wenn und Aber erwünscht, läge die Unterschrift auf dem Vertrag längst vor.</P><P>Schwierige Situation. Für alle Involvierten. Aber wie soll er denn überhaupt sein, der "Neue"? Die Erfüllung aller Träume, ob nun von Intendanten, Ministern oder Tänzern, wäre selbstredend ein Direktor in der Dreieinigkeit von Ex-Tänzer, Choreograph und pädagogischer Führungspersönlichkeit. Da schrumpft dann aber gewaltig die ohnehin schmale Auswahl: John Neumeier hat sich bereits für Hamburg entschieden. Ein echter Neustart wäre J. N., ja schon Everding-Favorit in fast grauer Vorzeit, ohnehin nicht gewesen (fünf Neumeier-Abende sowieso im Repertoire). Vielleicht käme gerne der einstige Neumeier-Solist Jean-Christophe Maillot. Er führt mit energischer Hand, was nötig ist bei seinem tourenden Monte-Carlo-Ballett. Er hat Handwerk, wie seine "Cinderella" (in der Münchner Ballettwoche '03) bewies. Reicht das für einen Aufbruch?</P><P>Heinz Spoerli, Jahrgang 1941, wird sein Zürich sicherlich nicht mehr aufgeben. Aber möglich wäre sein einstiger Star Martin Schläpfer, der in Mainz ein solides, neoklassisch-modernes Ensemble aufgebaut hat. Oder denkt man etwa an den allerdings eher kylianesk modernen Nacho Duato in Madrid oder gar an den ebenfalls modernen Stephan Thoss in Hannover? Mit sehr kluger Selbsteinschätzung hat der jedoch schon vor über einer Dekade die Dresdener Ballett-Direktion als zu früh/ zu belastend abgelehnt . . . Nicht jeder, der auf den Brocken kraxelt, schafft auch den Mt. Everest.</P><P>Glamour, "Connections" und auch Know-how brächte zweifellos der noch selbst tanzende Elite-Ballerino Vladimir Malakhov an die Isar. Wenn es in Berlin mit den Finanzen weiter wackelt, wirft er wahrscheinlich der Staatsoper unter den Linden lustvoll das Ade-Kusshändchen zu. Als Choreograph hat er sich bis jetzt nur mit der Klassiker-Neuinszenierung von "Bayadè`re" profiliert. Ohne den "Choreographie-Anspruch" rückt noch Birgit Keil ins Blickfeld. Die ehemalige Cranko-Ballerina leitet zielstrebig (zur Seite den Ex-Stuttgart-Solisten/ Ehemann Vladimir Klos) sowohl die Mannheimer Ballettakademie als auch das Ballettensemble in Karlsruhe.<BR>Ob diese oder andere eventuelle Kandidaten - Bewerber auch aus dem Staatsballett selbst - es besser machen können als Liska?<BR><BR> Fakt ist: Ein choreographierender Ballettchef wäre für das Staatsballett garantiert Abbau und Zerfall eines über Jahrzehnte gewachsenen, vielfältig-reichen Repertoires. Man stelle sich nur einmal vor, William Forsythe oder auch der auf seinen Spuren wandelnde, begabte junge Mannheimer Ballettchef Kevin O'Day würde hier übernehmen! Ivan Liska hat das Repertoire gepflegt und, immerhin, eine Auslastung von 90 Prozent.</P><P>Zufrieden indes darf man nie sein. Also: mehr Kreationen, mehr charismatische Tänzer, mehr internationale Strahlkraft. Bis im Frühsommer sollen im Ministerium die Würfel gefallen sein. Hoffentlich für - den Tanz.</P><P> </P>

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