+
Durch den Recycling-Wolf gedreht wurde Francisco de Goyas Radierung „Schon gehen sie gerupft“ (li.) aus dem Zyklus „Los Caprichos“ (1793-1798) von Yasumasa Morimura für sein Bild „Gentlemen, Your Turn is Over“ (2004, aus der Serie „Los Nuevos Caprichos“).

Traum von Echtheit

Parallel zu den Festspielen zeigt das Salzburger Museum der Moderne die Schau „Rollenbilder – Rollenspiele“. Eine Kritik:

Aus dem Münchner Karlstadt-Valentin-Musäum ist eine grundsympathische Stabpuppe mit kugelrundem Köpfchen und netten Henkelohren nach Salzburg gekommen. Anlass der Reise dieses Kerlchens, in dem sich der französische Künstler Christian Boltanski selbst „porträtiert“ hatte, ist die Ausstellung „Rollenbilder – Rollenspiele“. Passend zu den Festspielen – und dennoch darüber hinausweisend – hat man im Museum der Moderne Mönchsberg eine Reihe von theatralen Formen der bildenden Kunst eingefangen.

Wenn sie sich ihrer Schwester, dem Theater, zuwendet, dann nicht, um sie nachzuahmen, sondern sie für vielschichtige Erkenntnis zu nutzen. Boltanski spielt in Sketchen fast clownesk sich, seinen Papa und Großvater oder verunglückte Todesarten – und spielt damit verfremdet sein Leben nach. Er spielt exemplarisch Lebenssituationen durch. Ein Großteil der in der Schau gezeigten Arbeiten von Marina Abramovic über Björk bis Sturtevant beschäftigt sich mit einem seltsamen Faktum unseres Daseins: Jeder ist eine Person, die im Alltag verschiedene Figuren zu verkörpern hat. Man hat sein Rollen-Repertoire, das man bis zum Grab durchziehen muss; eben wie bei Boltanski: Bub, Vater, Vater des Vaters – und Unglücksrabe.

Während der Franzose, indem er das komisch nachformt, halb daraus ausbricht, gehen andere Künstler einen dokumentarischen Weg. Und berühren damit das Feld der Soziologie und in überspitzter Form das der Satire. August Sander konstatiert in seinen berühmten Aufnahmen die Zwanzigerjahre vom Bauernmädchen bis zum Abgeordneten, Christian Jankowski tut das mit heutigen Berufen – geht jedoch in seinen Filmen weiter. Sie zeigen Leben als Karaoke-Täuschung auf. Überhaupt lassen die Künstler in „Rollenbilder – Rollenspiele“ jeglichen Traum von Echtheit und Authentizität platzen. Wahrhaftig ist nur das Spiel selbst, und das betreiben sie mit Leidenschaft.

Die Ausstellung setzt bei einer anderen Leidenschaft, der fürs Theater, ein, die sie mit Fotos aus dem 19. Jahrhundert belegt. Da wird an das Laienspiel mit Bildern aus Oberammergau erinnert, aber auch an die Lebenden Bilder. In ihnen verschmelzen bildende und dramatische Kunst, und zwar so, dass sich das auch Dilettanten erarbeiten können. Im Selbst-Tun wirkt die Vergegenwärtigung einer Situation am stärksten. Das stimmt für die Passion Christi wie für Erinnerungen an Kriege. Etwa wenn An-My Lê fotografiert, wie US-Amerikaner Situationen aus dem Vietnam-Krieg nachstellen. Noch aggressiver ist die Wirkung bei Christoph Draeger. Für die Installation „Black September“ baut er das blutbesudelte Zimmer der beiden israelischen Sportler nach, die bei den Olympischen Spielen 1972 sofort von den Terroristen erschossen wurden. Das sind Passionsbilder unserer Tage.

Dagegen kratzt vieles andere in der Schau nur an der Oberfläche. David LaChapelles Jesus-Kitsch ist bloß langweilig, und Jack Piersons Selbstporträts sind bloß eitel. Vieles mutet nostalgisch an: die – ernst-, nicht klamaukhafte – Überschreitung von Geschlechtergrenzen zwischen Marcel Duchamp und Urs Lüthi; Cindy Shermans Auflistungen, in welche Rollenklischees Frauen speziell durch den Film gepresst werden; die fast identische Reproduktion von berühmten Kunstwerken durch Sturtevant. Das hat erst heutigen Witz, wenn Ming Wong Viscontis „Tod in Venedig“ auf seine Weise verschmitzt nachfilmt und mal als Aschenbach, mal als Tadzio mit blonder Perücke durch die Serenissima geistert.

Erhellend sind alte Fotografien, die Schauspieler und Tänzer in ihren Rollen-Posen ablichten. Solche Erkenntnisblitze schaffen auch Sherman immer wieder oder Taryn Simon bei den Afroamerikanern: Kleidung, Haltung, Geste, Mimik „maskieren“ das Individuum passgenau für seine Rollen. Die Maske ist mal Schutz, mal Fessel, mal Arbeitsutensil, mal fröhliches Spiel.

Natürlich wenden die Künstler solche Maskeraden gleichfalls auf ihre Zunft an. Berühmte Werke von Goya bis Picasso werden durch den Recycling-Wolf gedreht genauso wie berühmte Künstler von Frida Kahlo bis Andy Warhol. Dass bei dem Thema „Rollenbilder – Rollenspiele“ richtige Schauspieler nicht fehlen, dafür sorgt die Schau „Robert Wilson – Video Portraits“. Und so findet sich zum Beispiel Kinostar Robert Downey Jr. als Leiche in Rembrandts „Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp“ wieder.

Simone Dattenberger

Bis 30. Oktober, die Wilson-Schau bis 16.10., bis 30.8. täglich ab 10 Uhr geöffnet, danach Di.-So. ab 10 Uhr; Eintritt 8 Euro; Katalog (Hirmer Verlag): 39,90 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“

Kommentare