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Tanzen kann man auf der kleinsten Fläche – das beweist Karl Alfred Schreiner, der neue Ballettchef am Gärtnerplatztheater, unserem Fotografen mit dieser Einlage. An diesem Samstag feiert mit „Dornröschen“ Schreiners erste Münchner Choreographie ihre Premiere.

Neuer Ballettchef am Gärtnerplatz:

„Im Traum finden wir Lösungen“

München - Karl Alfred Schreiner, der neue Ballettchef am Gärtnerplatz, stellt sich mit seiner Choreographie „Dornröschen“ vor.

Münchens Gärtnerplatztheater hat sich unter seinem neuen Intendanten Josef E. Köpplinger in kurzer Zeit mit Musiktheater-Produktionen ins Herz der Stadt gespielt. Ob das Ballett diesen Erfolg fortsetzen kann? Karl Alfred Schreiner, Köpplingers Haus-Choreograph in Klagenfurt und am Gärtnerplatz nun erstmals Tanzchef, bringt am Samstag in der Reithalle als seine erste große Münchner Kreation ein neues „Dornröschen“ heraus. Man ist gespannt, denn der Tschaikowsky-Petipa-Klassiker aus dem Jahr 1890 – Höhepunkt der zaristischen Ballettkultur – erlebte schon viele Neuauflagen: entweder Petipa-getreu, wie 1966 von dem legendären Exil-Russen Rudolf Nurejew. Als kurzes Kammerballett, wie 1951 Alfredo Bortoluzzis „Die schlafende Prinzessin“ zu einer Tschaikowsky-Bearbeitung von Hans Werner Henze. Oder radikal aktualisiert wie 1996 das Junkie-„Dornröschen“ des Schweden Mats Ek.

Wir trafen Karl Alfred Schreiner im ehemaligen Gebäude der Münchner Filmhochschule in Giesing, wo die Leitung des Gärtnerplatztheaters während der Renovierung des Stammhauses untergebracht ist – und wo auch die Tänzer proben.

Sie haben in Klagenfurt neben kürzeren Stücken bereits Tschaikowskys „Nussknacker“ choreographiert. Warum haben Sie zu Ihrem Einstand in München jetzt sein „Dornröschen“ gewählt?

Die Inspiration kam ganz klar wieder durch die Musik von Tschaikowsky. Und generell ist es für meine Arbeit sehr wichtig, dass es eine Geschichte gibt, die mich interessiert. Mein Anliegen ist es vor allem, etwas zu erzählen, was für jeden nachvollziehbar ist...

Das Märchen der Gebrüder Grimm geht über mündliche Überlieferung auf Charles Perraults „La belle au bois dormant“ („Die schlafende Schöne im Wald“) aus dem Jahr 1697 zurück. Darin verletzt sich die 16-jährige Prinzessin Aurora tödlich an der Spindel der bösen Fee Carabosse, die sich so für die einstige Ausgrenzung am Hofe rächt. Doch dank der guten Fee fällt Aurora nur in einen hundertjährigen Schlaf, aus dem sie Prinz Désiré wachküsst. Wie sieht Ihre Neudeutung aus?

Ich habe versucht, diese ganze Märchenhaftigkeit herauszunehmen und durch normale menschliche Gefühle zu ersetzen. Mein „Dornröschen“ spielt ja auch an einem normalen Hof, wo Carabosse als Bedienstete arbeitet. Mit der Original-Carabosse habe ich mich immer schwergetan. Um ein junges Mädchen töten zu wollen, muss es meines Erachtens eine stärkere Motivation geben, als nur die Tatsache, nicht zu Auroras Tauffest eingeladen worden zu sein. Bei mir entspinnt sich dann eine von Macht und Eifersucht bestimmte Geschichte zwischen Carabosse, der Königin und Aurora.

Was hinter dieser Dreiecksbeziehung steckt, klingt plausibel und auch spannend, sei hier jedoch noch nicht preisgegeben. Lassen Sie uns stattdessen nochmals zurückgehen zur „Magie der Gefühle“ statt „Magie des Märchens“...

Wenn so eine Fee schon rein optisch als Fee verkleidet auf die Bühne kommt, das ist dann so ein bisschen, wie wenn man mit der Zwergerlbahn oder durch den Lunapark fährt. Man braucht nicht unbedingt einen Zauberer mit spitzem Hut, um Magie zu schaffen, sondern einfach die in der Geschichte vorhandenen Situationen: Der Prinz, ein junger Mann auf der Suche nach der richtigen Frau, sieht plötzlich Aurora, sagen wir, auf einer Parkbank liegen. Und er hat die innere Gewissheit: Das ist sie. Das finde ich persönlich viel magischer, als wenn da Feen herumhüpfen und hinten Theaternebel wallt. Und zum Punkt Liebe: Es gibt ja die beiden Seiten, diese wunderbare ätherische Liebe und die sinnlich-körperliche. Bei mir ist es so, dass, wenn Aurora diesen Mann sieht, sie nicht n u r daran denkt, wie schön es ist, Händchen haltend mit ihm über den Parkteich zu gondeln. (Lacht verschmitzt.)

Ihre Figuren emanzipieren sich, sagen Sie...

Die Mutter emanzipiert sich, indem sie akzeptiert, dass Aurora nun einen Mann liebt und sie jetzt für ihre Tochter zur Freundin werden kann – wie es ja auch oft im Leben der Fall ist. Und diese Märchen-Aurora: Das arme Kind wird geboren, wird verflucht, dann schläft sie hundert Jahre und dann wird sie wachgeküsst. Sie hat ja an keinem Punkt eine Entscheidungsmöglichkeit. Warum kann sie sich nicht bewusst, zumindest im Traum, für diesen Prinzen entscheiden? Ich glaube, dass Träumen uns die Möglichkeit gibt, Lösungen für das Leben zu finden. Und ich sehe nicht, dass Aurora hundert Jahre komatös daliegt. Sie träumt hundert Jahre von dem, der dann der Richtige sein wird. Und findet in diesem Traum zu ihrer Sexualität und zu ihrer Weiblichkeit. Dass dieser Prinz, der sie wachküsst, genau derjenige ist, den sie sich vorgestellt hat, das ist dann das Magische, das Märchenhafte.

Das Gespräch führte Malve Gradinger.

Premiere ist am 26. Januar um 19.30 Uhr in der Münchner Reithalle. Restkarten für die Premiere gibt es eventuell an der Abendkasse. Karten für die Folge-Vorstellung gibt es unter Telefon 089/ 21 85 19 60.

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