Der Traum vom Fliegen

- Die alte Weisheit - ist das Geld knapp, wird der Mensch findig. Münchens Vokstheater-Intendant Christian Stückl arbeitet kostensparend, aber erfolgreich mit jungen Schauspielern und Regisseuren. Philip Taylor verfährt für sein BallettTheater München (BTM) nach der gleichen Strategie. Der neue Abend "Home and Away" im Gärtnerplatztheater wird nach Taylors "Hallelujah Junction" (2003) bestritten von Cayetano Soto, David Middendorp und Dylan Newcomb, drei blutjungen Hoffnungsträgern.

"Hallelujah Junction" vom Tanzchef als "Welcome": John Adams' atemlos hämmernde zwei Klaviere und dazu ein unaufhörlich dahinschwellender und doch schön gegliederter Bewegungsstrom - das macht hellwach, stimmt ein auf den Abend. Dylan Newcomb beeindruckte hier 2003 mit dem Solo "Passing", sodass jetzt das große Ensemble-Stück "Straight Around" logische Entwicklung war - oder zumindest schien.<BR><BR>Mittel für den Ausdruck<P>Newcombs Ausgangspunkte sind Buddhismus, chinesisches I-Ging, Veränderung, Wiederkehr, Dauer - asiatische Denkweisen, wie sie der Taiwanese Lin Hwai-min mit seinem Cloud Gate Dance Theater, auch hierorts schon zu Gast, so exzellent in Tanz übersetzt hat. Da sollte man als Frischling vorsichtiger sein. Bei Newcomb durchmisst ein mönchisch erstarrter Alan Brooks als unmerklich gleitende Stille die Bühne bis zur Rampe, 40 Minuten lang, während die Masse der Tänzer ekstatisch um ihn herum bewegt ist: in lähmend sich ähnelnden Gesten und Chaos-Formationen. Selbst die mit exotischem Schlagwerk glöckelnde Auftragsmusik von Philipe Perez-Santiago vermag nicht, den erwarteten meditativen Sog zu schaffen.<BR><BR>Ex-BTM-Mitglied David Middendorp ist ein Technik-Freak: Auf einer Projektionswand dotzt und schwebt wie ein Astronaut eine von Middendorp selbst entworfene Animationsfigur: "Dreamsketch" - des Menschen Traum vom Fliegen. Und wenn aus seinem Tänzer-Trio "Mann" rechts hinter der Projektionsfläche verschwindet, dann auf ihr plötzlich als Strichmännchen entlang tippelt und links als "Frau" wieder zum Vorschein kommt, dann ist das die netteste Blitz-OP. Humor und kraftvoll athletischer Tanz in Verbindung mit Computer-Knowhow - keine schlechte Ausgangsbasis für einen Choreographen in spe. Ist der Holländer Middendorp ein tüftelnder Konzept-Choreograph, so arbeitet der Katalane Soto aus intuitivem Gespür und Musikalität heraus.<BR><BR>Für den Chef durch Feuer</P><P>Sein neues "Contes d'Amor", katalanisch für "Liebesgeschichten", hat er bewusst zu einer Musik choreographiert, die seiner leicht fließenden Sprache einen Widerstand bietet. Das Streichquartett "Odradek" und das "Piano Quintett" des Israeli Gideon Lewensohn sind letztlich hintergründige Stimmen unter den dramatischen, aber schnell-kühl abgewickelten Love-Affairen, nach denen jeder in seine Einsamkeit zurückkehrt.<BR><BR>Im Männertrio, aus dem sich ein Tänzer schließlich löst, noch einmal zurückblickt, deutet Soto eigene Biografie an und verdeutlicht den Abend-Titel "Home and Away": Ab nächster Spielzeit wirft er sich mutig in den freien Beruf des Choreographen. Die Chancen stehen gut. Denn Soto verfügt jetzt schon über eine Formenvielfalt und hat hier, in seiner dritten BTM-Arbeit, gezeigt, dass seine Pas de deux nicht nur schöne Form, sondern auch Mittel für Gefühl und Ausdruck sind.<BR><BR>Als Choreographen-Plattform ist der Abend insgesamt positiv zu werten, hat mit Kompositionen durchgehend moderner Faktur eine musikalische Geschlossenheit, wird von den neun Orchestermusikern und den Pianisten Elena Mednik und Oleg Ptashnikov (auch musikalische Leitung) exzellent musiziert, und Taylors perfekt-leidenschaftliche Tanz-Sprinter gingen für ihren Chef wieder mal durchs Feuer.<BR><BR></P>

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