Der Traum von der Lieblingsausstellung

- Eigentlich hat er sich mal eine ganz andere Retrospektive gewünscht, eine über Keith Moon, den früh verstorbenen Drummer von "The Who". Auch Presse-Einladungen hatte er schon versandt: Die "Keith Moon. Retrospective" sollte vom 22. Juni bis 11. September 1995 in der Tate Gallery stattfinden. Ein Wunsch war das, der perfekt inszenierte Traum eines Künstlers, der in fiktiven Plakaten seine Lieblingsausstellungen entwarf und darin provokativ die Frage nach gesellschaftlich anerkannter Kultur stellte.

Archivar seiner Umwelt

Doch das war vor zehn Jahren, und inzwischen, 2004, wurde Jeremy Deller mit dem renommierten Turner Prize ausgezeichnet. So bekommt der Londoner Künstler, 1966 geboren, nun seine weltweit erste eigene Retrospektive - im Münchner Kunstverein.

Verschiedenartiges Material breitet sich in den Räumen aus, denn Deller arbeitet als Archivar seiner Umwelt mit medialen Sammlungen. Eine gute Zusammenarbeit, sagt er, sei, als wenn man auf eine lange Reise gehe, ohne zu wissen, wohin sie führt.

Vier Monitore zeigen ungeschnittene Videos seiner dreijährigen Wanderungen durch Stadt und Land, geben einen Eindruck seiner kritisch beobachtenden Arbeitsweise - mit sozialen Themen wie Populär-Kultur, Fortschrittswahn, Vergangenheitsbewältigung. Aus ihr entstand 1997 die großformatige Gedankenzeichnung "The History of the World", die in zahllosen Pfeilen und Zwischenstationen die großen Zentren "Acid House" und "Brass Bands" verbindet - "alles ist mit allem anderen verbunden", zitiert Deller Lenin.

Diesem Projekt ließ er im selben Jahr die Tat, das heißt: die Musik folgen. 2001/2004 entstand das legendäre "Re-enactment" der streikenden Bergarbeiter von März 1984/85. Mit Hilfe genauester Vorfeld-Recherchen und 400 Darstellern aus der Gegend, davon die Hälfte Mitstreiker von damals, stellte er den "Battle of Orgreave" nach. Die Stationen dieses Kampfes erstrecken sich im Kunstverein über zwei Wände.

Eine starke Retrospektive vollzieht auch die ältesten Anfänge nach. Bei Deller sind davon eine Handvoll lustiger Fotografien übrig geblieben. "Home alone" hieß seine erste Einzelausstellung; er gab sie 1993 im eigenen Haus, als seine Eltern verreist waren. In der sturmfreien Bude pinnte er Fotos und Texte an die Wände, und aufs Örtchen hängte er bemerkenswert philosophische Transkriptionen aus der Herrentoilette der British Library.

Bis 27. November, Di.-So. 11-18 Uhr, Do. 11-21 Uhr, Galeriestr. 4. Info: www.kunstverein-muenchen.de.

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