Traum, Rausch, Poesie

- Er kam als Jüngling in die deutsche Literatur. Er starb mit zweiundvierzig Jahren, noch immer ein junger Mann, inmitten der süßen Geschäftigkeit des Lebens. Am Nachmittag sah er noch eine Freundin. Am späten Abend kehrte er heim, von einem seiner flüchtigen Freunde. Er hatte in den letzten paar Tagen viele Briefe in die Welt geschickt, in jenem gewissenhaft munteren Idiom, das in seiner Familie seit langem gebräuchlich war; diese scherzhaft bourgeoise Diktion verdeckte in seinen Briefen die angeregte Unrast seines Gemüts.

"Er war ein legitimer Sohn der Literatur, gezeugt von einem Literaten."

Hermann Kesten

Plötzlich befreite er sich in einer Maiennacht zu Cannes von der holden Last des Daseins und minder holden Lasten. Die Tat erscheint abrupt wie jedes freiwillige Ende, das aber so oft von langer Hand vorbereitet ist, psychologisch mindestens, und so oft nach wiederholten Versuchen erfolgt, als wäre auch der endgültige Schritt in die große Freiheit der Kreatur, in den Tod, eine Rolle, die gelernt werden müsse, zögernd und stückweise, oder ein Kapitel, das man mehrmals umschreiben müsse, um zur Perfektion zu gelangen, diesem Kindertraum aller Künstler und Literaten.

Ein Literat war Klaus Mann vor allem. Er lebte in der Literatur und die Literatur lebte in ihm. Sie beeinflusste seine Frivolitäten und seinen Geschmack. Es war die beste Literatur, die er sich zu Mustern wählte, und jene, in die er hineingeboren war. Denn er war ein legitimer Sohn der Literatur, gezeugt von einem Literaten. Seines Vaters Sprache war die Muttersprache von Klaus Mann.

Bis zu einem gewissen Grad war Klaus Mann auch ein Kunstprodukt seines Vaters, dessen intimes Beispiel den literarisch hochbegabten Sohn fortwährend zur Nachahmung und zum Widerspruch reizte. Zwischen Liebe und Protest, im Wettstreit mit seinem Vater, der in einer mirakulösen Laufbahn schließlich einer der Patriarchen der europäischen und ein Würdenträger der amerikanischen Literatur wurde, schuf sich Klaus Mann eine eigene Gestalt und Stellung in der Literatur.

Seine glückliche Jugend war offenbar nur leicht beschattet, wie von Sommerwolken, durch den Ersten Weltkrieg, die Revolution, die Inflation und die Aufwertung. Mit vierzehn Jahren schrieb er einen Aufsatz zum Beweis, dass es keinen Gott gebe, worauf er in die Odenwaldschule ging, zu Paul Geheeb, einem der Gründer der freien Schulbewegung. Im Hause seines Onkels Heinrich Mann lernte Klaus die Tochter von Frank Wedekind, Pamela, kennen und verlobte sich mit ihr, beide waren achtzehn, Pamela heiratete später den alten Satiriker Carl Sternheim. Und Klaus Mann trat voll munterer Hast in die deutsche Literatur ein, mit den leichtfertigen Ansprüchen und dem unbescheidenen Gehabe eines Kronprinzen der Poesie. Unbeschwert galoppierte er durch den verwunschenen Garten der deutschen Dichtung.

"Man muss Spaß verstehen, wenn man leben will", schrieb er in seinem letzten Roman "Der Vulkan". Klaus Mann hat manchen Spaß verstanden, selbst wenn er gegen ihn ging. Der sonst so witzlose Bert Brecht übte einmal seinen Witz an Klaus Mann und schrieb: "Die ganze Welt kennt Klaus Mann, den Sohn von Thomas Mann; wer übrigens ist Thomas Mann?" Klaus Mann zitierte Brechts Ausfall in einer seiner Autobiografien und heißt ihn mit höflicher Ironie "sprühend". Und lächelnd erzählt Klaus Mann den Scherz von Thomas Mann, der seinem Sohn Klaus ein Exemplar des "Zauberbergs" mit den Worten widmete: "Dem hochgeschätzten Kollegen ­ sein hoffnungsvoller Vater."

Klaus Mann führte ein reges und eingeteiltes Leben; mitten im Getümmel seiner Reisen, Abenteuer und Projekte, regulären kleinen Schulden und irregulären Liebesaffären, mitten im hektischen und sozusagen betrübten Lebensgenuss schrieb er mit behender Regelmäßigkeit und überraschendem Fleiß; denn er war ein grundaktiver und fleißiger Literat. Er las die neueste Literatur und kannte die besten Literaten in vielen Ländern. Er hatte einen Sinn fürs Originelle und Poetische und entdeckte in seinen Anthologien und Zeitschriften unbekannte Dichter. Er liebte die ganze Erde, und besonders Paris und New York, und floh vor sich selbst. Er zerrte am dünnen, flatternden Vorhang, der den Tag vom Nichts trennt, und suchte überall den Traum und den Rausch und die Poesie, die drei brüderlichen Illusionen der allzu früh Ernüchterten. Er war voller nervöser Daseinslust und heimlicher Todesbegier, frühreif und unvollendet, flüchtig und ein ergebener Freund, gescheit und verspielt.

"Man muss Spaß verstehen, wenn man leben will."

Klaus Mann

Bei all seiner verbindlichen Grazie im Werk und im Leben ward dieser leise Spötter über philiströse Moralschranken ein lauter Ankläger vor dem eigentlichen Geschäft der Welt, der Regelung des öffentlichen Lebens und der Gesellschaft. Zum Spaß war er ein Spötter, und wenn es ernst wurde, ein Idealist. Er bewies es, als ihn der Umschwung der Zeit aus einem Ästheten zu einem Moralisten machte; er bewies es im Exil.

Während der dreizehn Hitlerjahre veröffentlichte er in den meisten freien Ländern Europas und in Amerika zahlreiche Artikel; als Zivilist und als Soldat schrieb er unbekümmert um die populären Tagesthesen der kleinen und großen Tyrannen und unerschrocken, obwohl er die Schrecken des Lebens kannte.

Seine beiden besten Romane ­ "Mephisto" und "Der Vulkan" ­ erschienen im Exil, noch vor dem Krieg. "Mephisto" ist der Roman eines Karrieristen. Es ist der Roman eines Schauspielers, angeregt wohl von der komödiantischen Natur der nationalsozialistischen Regierung. Dem politischen Schauerstück blutiger Dilettanten stellte Klaus Mann das Porträt des echten Komödianten gegenüber.

Im Komödianten zeichnet Klaus Mann den Typus des Mitläufers, einen aus der Million von Mitschuldigen, die keine Verbrechen begehen, aber vom Brot der Mörder essen; nicht Schuldige sind, aber schuldig werden; nicht töten, aber zum Totschlag schweigen; über ihr Verdienst hinaus verdienen wollen und die Füße der Mächtigen lecken, auch wenn diese Füße im Blute waren, im Blute der Unschuldigen. Diese Million der kleinen Mitschuldigen hat "Blut geleckt". Darum bilden sie die Stütze der Tyrannen. Klaus Mann schilderte eine besondere Funktion des Komödianten: Der Schauspieler als Affe des Diktators.

Obwohl Klaus Mann die Nationalität und die Sprache gewechselt hatte und ein Amerikaner geworden war, der englisch schrieb, kam er in seinen Romanen von Deutschland und der gräulichen Gegenwart der deutschen Probleme nicht los. "Flucht in den Norden" spielt unter deutschen Emigranten in Finnland, "Mephisto" unter Nazis in Deutschland, "Der Vulkan" unter deutschen Exilierten in Paris, Amsterdam, Zürich und New York.

Aber Klaus Mann kam auch von der deutschen Sprache nicht los. Obwohl er 1942 zur amerikanischen Armee einrückte, 1943 ein amerikanischer Bürger wurde, 1944 in Italien als amerikanischer Soldat kämpfte, 1945 bis zum Oktober Korrespondent der amerikanischen Soldatenzeitung "Stars and Stripes" war und Amerika liebte und mehr als andere emigrierte Schriftsteller im neuen Land und in der neuen Literatur eingelebt schien, ja sogar sein neues "Vaterhaus" in Kalifornien erhielt, hat er in seinen letzten Jahren seine beiden englisch verfassten Bücher, den "Gide" und den "Wendepunkt", aufs Neue deutsch geschrieben, zum Vorteil der deutschen Literatur der Gegenwart.

Denn Klaus Mann, der einst unter den Vorteilen gelitten hatte, die er aus dem Ruhm seiner Familie zog, hatte endlich auch die Nachteile einer solchen Situation überwunden. Er stand nicht mehr im Schatten seiner Familie.

"Er war homosexuell. Er war süchtig und hat Drogen genommen."

Marcel Reich-Ranicki

Klaus Mann war auch mein Freund; etwa zwanzig Jahre lang trafen wir uns an vielen Orten und Ecken Europas und Amerikas. Er war ein beständiger Freund, ein charmanter Mensch, ein reizender Literat, immer angeregt, immer anregend, medisant ohne große Bosheit, weltläufig und amüsant, gesprächig und gescheit, intim und distanziert. Alles fiel ihm zu leicht im Leben, und eben darum schien er alles im Leben zu teuer bezahlen zu müssen. Er hatte zahlreiche Freunde und eine große Familie und schien immer allein; er hatte elegante Gebärden und glückliche Formulierungen; seine Klugheit war unaufdringlich. In den vielen Hotelzimmern, wo wir uns trafen, beide von unterwegs, ging er unruhig auf und ab, mit einem Glas in der Hand oder einer Zigarette zwischen den Fingern, hörte zu und sprach mit der gleichen zerstreuten Intensität und blickte wohl zwischendurch mit aufmerksamer Neugier in den Spiegel.

Er wusste mit Menschen aus allen Volksschichten umzugehen. Er war kokett und ernsthaft und so beredt wie die meisten Melancholiker. Der Umgang mit ihm war so amüsant ­ und ein wenig exzentrisch bei aller Vernünftigkeit ­ wie die Lektüre seiner Bücher. In seiner Knabenzeit hatte er die lächelnden Unarten eines Erben. Er war ein schier zu programmatischer Jüngling. Aber der Mann war ein Poet mit allen wahren Gesinnungen eines von Grund auf freundlichen Weltbürgers.

Hermann Kesten*

* In Auszügen entnommen: "Meine Freunde, die Poeten" von Hermann Kesten (1900-1996), Atrium Verlag, Zürich, 287 Seiten; 19,90 Euro.

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