Der Traum vom sagenhaften Schtetl

- Ein "Jünglingswunder"? Ein 26-jähriger Autor, 383 gelungene Romanseiten und Jubel-Kritiken. Viel mehr aber hat das Erstlingswerk des Amerikaners Jonathan Safran Foer, "Alles ist erleuchtet", nicht gemein mit der melancholisch Zigarettenrauch atmenden Erlebnispoetik der schreibenden Fräulein hierzulande. Denn Foer beugt sich nicht gerührt oder angewidert über die eigene Befindlichkeit.

In Schwindel erregender Weise umkreist er die Seelenlage einer ganzen Großvätergeneration, zu der die jüdischen Einwohner eines ukrainischen Schtetls, dort einfallende Nationalsozialisten sowie ihre unwilligen Helfer zählen. Und bei deren unmittelbaren Vor- und Nachfahren macht der Autor noch lange nicht halt. Ein 26-jähriger Amerikaner ist nicht nur "Held" des Romans, die ukrainischen Gastgeber nennen ihn auch so. Eigentlich hat Foer ihn Jonathan Safran Foer getauft - autobiografische Absichten bleiben jedoch Spekulation.

Dieser "Held" macht sich auf die Suche nach einer Frau, die den Großvater vor den Nazis gerettet haben soll. Erzählt wird das aus der Perspektive eines jungen Ukrainers: Sein Vater arbeitet bei einem Reisebüro, und weil sich kein professioneller Reiseführer findet, sollen Alex und sein Großvater Jonathan begleiten. Alex behauptet, an der Uni "maßlos gute Leistungen" in Englisch gehabt zu haben - dementsprechend lesen sich seine Passagen.

Das sind einerseits die Buchkapitel, in denen er von der Autofahrt zu dem von den Nazis zerstörten Schtetl erzählt: auch sprachlich ein Abenteuer für den Helden. Zum anderen setzt Alex seine irrwitzigen Schreibversuche in Briefen an Jonathan fort, als dieser bereits zurück in den USA ist. Alex ist ein Witzbold, Aufschneider und Blender. Dass er allerdings bei seinen Schilderungen diese, im Deutschen an Werner Schwabs Sprachverunstaltung erinnernde Komik entwickelt, ist wohl seinen leidlichen Englischkenntnissen zu verdanken.

Ein denkwürdiges wird zum "tragweiten" Jahr, man "verbreitet" Geld statt es zu verschwenden und schafft es nicht, stets "wahrheitlich" zu sein. Alex' vor Fehlern strotzende Sprache, die Dirk van Gunsteren mit Virtuosität ins Deutsche übertragen hat, konterkariert Stolz und Wichtigtuerei dieses Schelmen, unterstreicht seine Nachlässigkeit, vertuscht seine Tricksereien. Während Jonathan sich in den dazwischen liegenden Kapiteln ein Schtetl zusammenfantasiert, wie es seiner Sehnsucht nach einer sagenhaften, untergegangenen Welt entspringt.

Liebevolles Buch über den Holocaust

Wunderlich sind sie allesamt, diese Großmütter und -väter, die während des Ertrinkens ihrer Eltern im Fluss geboren werden oder nach einem Mühlen-Unfall mit dem Sägeblatt im Kopf weiterleben. Der moderne Schelmen- sowie der historische Roman, die fantastische Erzählung und folkloristische Legenden sind Foers Materialien, aus denen er große Holocaust-Literatur geformt hat - letztlich verbindet die Figuren "nur" die gemeinsame Geschichte der Judenvernichtung. Ein liebevolles und versöhnliches Buch ist dem Autor damit gelungen, das sich die Erfahrungen der Ahnen nicht anmaßt oder sie altklug kommentiert, sondern mit Würde und Witz bewahrt.

Jonathan Safran Foer: "Alles ist erleuchtet".

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren.

Kiepenheuer & Witsch, Köln.

383 Seiten

22,90 Euro.

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