Ein Traum wurde wahr

- Das ABC der Münchner Kunstszene schaut zurück auf 2002: auf das, was sich in Museen, Ausstellungshallen und Privatsammlungen tat oder was in der Kulturpolitik geschah; es geht um Bemühungen, Flops oder Glücksmomente, um Stagnation oder Entwicklung. Ein wenig Angst ist einem schon am Ende dieses Jahres. Wird es das letzte gute für die Kunst sein? Werden wir in Zukunft voller Wehmut daran zurückdenken, weil dann schon alles zu Tode gespart worden ist?

Architektur spielte in München zwar nicht unbedingt von der Ästhetik her - es wird zu meist die übliche Langeweile gebaut - eine interessante Rolle, die Verbände engagierten sich jedoch heuer energisch für ihren Auftritt in der Öffentlichkeit: Es wurde nicht nur das Haus der Architektur eröffnet (April), sondern man bot auch eine Architekturwoche mit vielen Führungen und Veranstaltungen (Juli). <BR><BR>Böcklin bereitete ab Februar mit elegisch umschatteten Inseln, in Sehnsucht versunkenen Damen sowie mit erotisch lebenssatten Nymphen und Tritonen in der Neuen Pinakothek viel Kunstgenuss. <BR>Drall und fröhlich auch die Münchner Volkssänger-Legende Bally Prell, die von der Monacensia eine Hommage erhalten hat (bis 14. 3. 2003). <BR><BR>Coleman, James, zeigte sich im Kunstbau des Lenbachhauses (ab April) als Geschichtenerzähler - wie es sich für einen Iren gehört. Aber seine Stories sind nicht süffig ausufernd, sondern geheimnisvoll, ruhig, klug und wundervoll human. Mit seinen Abfolgen von groß projizierten Dias erweist sich Coleman, der auch mit dem Münchner Kunstpreis geehrt wurde, als Weiser unter den Medienkünstlern. <BR><BR>Dercon, Chris, wurde Ende September von Kunst-Minister Hans Zehetmair als neuer Leiter des Hauses der Kunst berufen. Er ist damit der Nachfolger von Christoph Vitali. <BR>Die KZ-Gedenkstätte Dachau wird mit einer neu konzipierten Dauerausstellung aufgewertet. Den ersten Teil konnten Besucher ab Mai kennen lernen. <BR><BR>Ennadre und Bodys Isek Kingelez waren beide Teilnehmer der Documenta11. Das Museum Villa Stuck hatte den richtigen Riecher und präsentierte sowohl Ennadres New-York-Fotos vom 11. September (ab August) als auch die fantasmagorischen Architekturmodelle Kingelez` (ab Januar). <BR><BR>Frauenlob nennt sich die aktuelle Exposition im Modemuseum, das sich nicht nur raffiniertem Design mit Verve widmet, sondern auch dem Alltag des Textils: diesmal vom simplen Kreuzstich bis zu feinster Nadelarbeit in Seide (bis 22. Juni). <BR><BR>Goetz, Ingvild, und ihre Sammlung haben sich mittlerweile einen festen und sehr schönen Platz in der Münchner Ausstellungslandschaft erobert. Die kleine, private Halle - an der Oberföhringer Straße 103 leider sehr schlecht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen - begeistert immer wieder mit ihren Präsentationen aus eigenem Bestand; etwa mit einer variantenreichen Werkschau von Rosemarie Trockel (ab Mai). Auch die Stuck-Villa wurde witzig, spritzig, frech mit Goetz`schem Besitz ausgestattet ("Hautnah" ab September). <BR><BR>Hartl, Lydia, die Kulturreferentin, zog 2002 vor allem Wut, Hohn, Resignation und Spott auf sich. Mit Mühe brachte sie ihr undurchschaubar konstruiertes Medienkunst-Institut Lab 21 durch den Stadtrat (Juli). Trotzdem war Lab 21 eine Totgeburt: Es fiel sofort dem Sparhaushalt zum Opfer. Noch schlimmer war, dass Hartl den Künstlern vorhandene Gelder vorenthielt. Alle Ideen für Kunst im öffentlichen Raum wurden gnadenlos ausgebremst. Ein Skandal. <BR><BR>Italia und Germania bot Einblicke in eine seelenzarte Kunstauffassung, die uns fremder ist als mancher Dürer oder Rubens. Die Graphische Sammlung zeigte in der Neuen Pinakothek Zeichnungen zu Friedrich Overbecks (1789-1869) Freundschafts-Allegorie "Italia und Germania" (ab Februar). <BR><BR>Jüdisches Museum: Der Grundstein ist gelegt und der Gründungsdirektor gefunden (November). Bernhard Purin, derzeit noch Chef des Jüdischen Museums Franken in Fürth, wird ab dem kommenden Frühjahr die Münchner Sammlung aufbauen. <BR><BR>Kunstverein und kunstraum. Beide haben schwierige Zeiten hinter sich. Der kunstraum, der ein neues Domizil suchte, schlug sich wacker mit Gast-Ausstellungen etwa im Lenbachhaus oder Haus der Kunst durch die raumlose Zeit - und ist jetzt Zieblandstraße 8 zu finden. Fast zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken ist hingegen der Kunstverein unter der neuen Chefin Maria Lind: zu viel pseudo-elitärer Hochmut, zu wenig Wille, auf ein breiteres Publikum zuzugehen. Eine gefährliche Entwicklung, zumal der Kunstverein um seine angestammten Räumlichkeiten am Hofgarten bangen muss (Mietvertrag läuft aus). <BR><BR>Laib, Wolfgang, bescherte dem Haus der Kunst dessen schönste Ausstellung (bis 19. 1.). Die Retrospektive, die frühe Steinarbeiten genauso umfasst wie die zauberisch schönen Blütenstaub-Felder und die imposanten Türme aus Bienenwachs-Quadern, befreit uns: von Zeitgeist, Hektik, Unwesentlichem. <BR>Von Einsparungen in der Existenz bedroht, gibt die lothringer/halle tatkräftig der so genannten Medienkunst einen Ort. <BR><BR>Moses, Stefan, gehört zu den wichtigsten Menschen-Fotografen des 20. Jahrhunderts. Das Fotomuseum widmet dem Münchner eine umfassende Werkschau mit Bildnissen von Berühmtheiten und unbekannten Mitbürgern (bis 23. 2.). <BR>Wie jedes Jahr ist auch heuer das Schlossmuseum Murnau für seine kluge Ausstellungspolitik zu preisen. <BR><BR>Nationalsozialismus in München sollte die neue Abteilung im Stadtmuseum heißen (ab Frühjahr). Obwohl das Konzept im Vorfeld von Fachleuten ausführlich diskutiert worden war, wurde die Eröffnung auf Betreiben des Oberbürgermeisters Ude aufgeschoben. Die Öffentlichkeit wurde entmündigt, hatte keine Gelegenheit, die Ausstellungen zu begutachten. Auch für das geplante NS-Dokumentationszentrum sicherte man sich durch aufwändige Vorarbeiten ab. Erster Höhepunkt ein dreitägiges Symposion im Dezember, das im Januar fortgesetzt wird. <BR><BR>Ottheinrichs Bibel, ein Juwel der Buchkunst, stellte im März die Bayerische Staatsbibliothek aus. Ein besonderes Ereignis, denn extrem selten gibt es die Möglichkeit, diese empfindlichen Kostbarkeiten "live" zu erleben. <BR><BR>Pinakothek der Moderne: Ihre Einweihung markierte den kulturellen Mega-Höhepunkt des Jahres. Das heiter stimmende Gebäude von Stephan Braunfels begeisterte. Das Besondere des Hauses ist, dass es vier Museen beherbergt: Kunst, Grafik, Design und Architektur. Eine sensationelle Zusammenschau. <BR><BR>Quivid ist der Sammelname für Kunst-am-Bau-Projekte. Es galt eine Riesenfläche zu gestalten: den "Bahndeckel" der Theresienhöhe. Den Wettbewerb um diese Freizeitoase gewann die Künstlerin Rosemarie Trockel mit den Landschaftsarchitekten Topotek 1 (April). Clou des Ganzen: eine Sanddüne. <BR><BR>Ruff, Thomas, gehört zu den wichtigsten Fotokünstlern der mittleren Generation. Das Lenbachhaus verschaffte den Münchnern einen Überblick über sein bisheriges Schaffen (ab April). Bekannt wurde Ruff mit seinen "ungeschminkten" Porträts, aber mittlerweile reizt er alle Facetten der fotografischen Möglichkeiten aus. <BR><BR>Sterbak, Jana, entwickelte im Haus der Kunst eine faszinierende Vision von Dasein, Angst und Komik. Kleider aus unter Strom glühendem Draht oder aus Fleischfetzen stehen genauso dafür wie die fahrbaren Krinolinen (ab Juni). <BR>"Stille Welt" in der Hypo-Kunsthalle entführt hingegen in die Welt italienischer Stillleben: Üppiges für die Palazzi, aber immer lauert irgendwo die Vergänglichkeit (bis 23. 2.). <BR><BR>Twombly, Cy: Seine farb-lichte Gemäldeserie über die Seeschlacht von Lepanto wurde in der Alten Pinakothek als Appetithappen der Sammlung Udo Brandhorst präsentiert (bis 5. 1.). <BR>Der Kultur der Gewänder zwischen Handwerkskunst und Statussymbol widmete sich eine Schau über textile Schätze aus Renaissance und Barock im Bayerischen Nationalmuseum (bis 16. 2.). <BR><BR>Udo Brandhorst: Dem Sammler fiel die Wahl schwer. Seit Juli wurde die Entscheidung mehrmals aufgeschoben, welcher Entwurf für sein Museum an der Türkenstraße realisiert werden solle. Erst jetzt wurde die Lösung von Sauerbruch/Hutton der raffinierten von Zaha Hadid vorgezogen. <BR><BR>Viktorianische "Prüderie und Leidenschaft" zelebrierte das Haus der Kunst: Nacktheit und Verlogenheit zeigten sich in einer ganz und gar britischen Mixtur (ab Februar). Da taugt Franz von Stucks "Kunst der Verführung" der bayrisch-barocken Seele schon viel mehr. Das Stuck-Museum feiert den "Besitzer" bis 6. Januar. <BR><BR>Wehrmachtsausstellung: Auch die zweite, korrigierte Fassung dieser Klage gegen die Menschenverachtung - diesmal im Stadtmuseum - bewegte die Besucher sehr (ab Oktober). <BR><BR>XY die Unbekannte war und ist in der Residenz zu finden. Denn wer hätte gedacht, dass dieser verschachtelte Palast die weltgrößte Möbelsammlung enthält. Eine Auswahl der ausgefallensten, exklusivsten und mühsam restaurierten Stücke ist noch bis zum 2. Februar zu sehen. <BR><BR>Zeit ist ein Phänomen, dem die Menschen und die Kunst seit altersher nachjagen. Die Ausstellung "Verweile doch . . ." im Kunstbau untersucht, wie Künstler seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts Chronos zu erhaschen suchten. Ein optisches Gedankenexperiment, das perfekt zum Jahreswechsel passt (bis 9. 2.). <BR><BR>

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