Das Trauma ihrer Kindheit und Jugend

- "Sehen Sie, wir Überlebenden haben alle dieselbe Geschichte durchgemacht", sagt Ernest W. Michel. "Und doch hat jeder sein ganz eigenes Schicksal." Michel wurde 1923 in Mannheim geboren. Seine Eltern wurden von den Nazis ermordet. Er selbst überlebte mehrere Arbeits- und Konzentrationslager, darunter Auschwitz. "Ich weiß bis heute nicht, wie ich das überleben konnte", sagt er.

Nach der Befreiung arbeitete Michel als Journalist, später als Spendensammler in den USA. Das Interview mit ihm ist eines von 24, die Martin Doerry mit jüdischen Überlebenden des Holocaust geführt und unter dem Titel "Nirgendwo und überall zu Haus" als Buch zusammengestellt hat.

In den Gesprächen geht es nicht nur um den Kampf ums Überleben während der Naziherrschaft. Seine Gesprächspartner erzählen Martin Doerry auch, was es für sie bedeutet, Jude zu sein. Sein Anliegen macht der stellvertretende Chefredakteur des "Spiegel" im Vorwort deutlich: "Werden kommende Generationen noch die Dimension dieses Jahrtausendverbrechens erahnen können, wenn kein ehemaliger KZ-Häftling, kein Emigrant mehr aus eigener Erfahrung erzählen kann?"

Doerry sieht hier die Nachgeborenen in der Verantwortung, vom Holocaust zu berichten. Obwohl diese Aufgabe "von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation" schwieriger werde. Obgleich den Nachgeborenen die "unerschütterbare Beweiskraft der eigenen Vita, die Aura des Authentischen" fehle. In der Biografie "Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944" hatte Doerry bereits 2002 das Schicksal seiner Großmutter aufgezeichnet, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Die Interviewform seines neuen Buches ist klug gewählt; so kommen die Überlebenden selbst zu Wort. Sie berichten erschütternde, aber auch überraschende Details aus den Lagern, aus dem Leben in der Nazi-Diktatur. Sie berichten von widersprüchlichen Gefühlen gegenüber ihrer alten Heimat und gegenüber den Deutschen. Sie offenbaren ihre Schwierigkeiten, sich mit dem Trauma ihrer Kindheit oder ihrer Jugend auseinander zu setzen. Sie skizzieren ihre ganz persönlichen Wege, auf denen sie überlebt haben.

Die Germanistik-Professorin Ruth Klüger berichtet von einer Selektion im KZ Birkenau: Frauen zwischen 15 und 45 Jahren sollten sich zum Arbeiten melden, Klügers Mutter sah darin die einzige Überlebenschance für sich und ihre damals 12 Jahre alte Tochter. Doch Ruth traute sich zunächst nicht, sich drei Jahre älter zu machen. Das Kind wurde abgewiesen, stellte sich aber nochmal an. Eine Schreiberin - ebenfalls Häftling - überzeugte sie kurz vor der zweiten Selektion zu lügen. "Der Zufall war, dass ich auf den guten Menschen gestoßen bin", sagt Klüger im Interview.

Doerrys Buch ist ein authentisches Dokument des Holocaust - die Schwarz-Weiß-Porträts der Fotografin Monika Zucht unterstützen diesen Eindruck. Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, der 1928 in Siebenbürgen geboren und 1944 nach Auschwitz deportiert wurde, sagt: "Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden."

Martin Doerry: "Nirgendwo und überall zu Haus - Gespräche mit Überlebenden des Holocaust". Deutsche Verlags-Anstalt, München, 264 Seiten; 39,90 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Indische Experimente am Volkstheater
Bereits zum zweiten Mal inszeniert der indische Regisseur Sankar Venkateswaran am Münchner Volkstheater. Wir haben den Theatermacher vor der Uraufführung seines …
Indische Experimente am Volkstheater
Aerosmith: Heute Konzert auf dem Königsplatz 
Die Vorfreude steigt - am Freitagabend rocken Aerosmith den Königsplatz. Vorab zeigte sich die Band schon in guter Form. Mit dabei sind auf dem Königsplatz außerdem …
Aerosmith: Heute Konzert auf dem Königsplatz 
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit

Kommentare