Traumhafte Tragödie

- Vielleicht ist es aufschlussreich, einmal zurückzudenken. Sich an die Ästhetik zu erinnern, mit der die Bayerische Staatsoper bis dato Belcanto verknüpfte. Zweimal Jonathan Miller ("Anna Bolena" und "I puritani") plus einmal Robert Carsen ("Lucia di Lammermoor"); Inszenierungen, die sich mit bauschendem Samt, klirrenden Uniformen und einer manchmal final umnachteten Dame im Nachthemd um die Verkleidung des Dramas sorgten, damit indes kaum in seinen Kern vordrangen. Die historische Verankerung wurde zum Hauptproblem - und reduzierte Oper aufs leblose Ausstattungsmuseum, in der sich der Fan nur noch für den Spitzenton der Diva interessierte.

<P>Triumphale Aufführung</P><P>Auch bei Gaetano Donizettis "Roberto Devereux", der im Nationaltheater seine triumphale Münchner Erstaufführung erlebte, droht diese Gefahr, erzählt er doch (wiewohl etwas frei mit der Historie hantierend) vom Ende der Regentschaft Elisabeths I. Aber Regisseur Christof Loy und Ausstatter Herbert Murauer verzichten auf all den monarchischen Tand. Sie versetzen die Vier-Personen-Tragödie in ein Ambiente, das mit Ledersesseln, Wasserspendern und Zeitungsständern, mit eilfertigen Bürokräften und livrierten Bediensteten an ganz anderes erinnert: an die Lobby eines modernen Parlaments. Eine Welt, in der mit Koffern bewaffnete Business-Wesen Intrigen spinnen. Eine Welt, deren verrauchter Schick Endzeitstimmung verbreitet, in der sich die resolute Chefin nur im Panzer des streng geschnittenen Kostüms behaupten kann, in der auch bald klar wird: Einer wie Roberto, der breitbeinig den Testosteron-Protz gibt, hat hier nichts zu suchen - was die Schlagzeile der später verteilten "Sun" nur unterstützt: "Off with his head".</P><P>Und in dieser morbiden Schmucklosigkeit, in der es weniger um eine konkrete Ortsbestimmung als um Atmosphäre geht, entfaltet Christof Loy mit gestischer Präzision und dramatischer Schlüssigkeit ein überwältigendes Kammerspiel. Einen Thriller, der sich nie über die "Handschrift" des Regisseurs definiert, sondern der allein durch das spannende Beziehungsgeflecht der vier Hauptpersonen getragen wird. Keine Sekunde wirken die nur "geführt", sondern agieren natürlich, in völliger Einheit von Person und Partie. Sogar der famose Chor tritt als Summe vieler individueller Einzelschicksale auf - was jedem Tuttisänger eigentlich einen Solovertrag sichern sollte.</P><P>Edita Gruberova (Elisabetta) dringt mit dieser Aufführung in eine neue Dimension der Charakterisierungskunst vor und präsentiert sich als bisher unterschätzte, weil unterforderte Schauspielerin: Noch mehr als sonst stellt sie ihre singuläre Stimmfertigkeit in den Dienst des dramatischen Ausdrucks. Jede Verzierung, jeder Schweller und jede Phrasengestaltung, jede dynamische und farbliche Nuance ist durch die augenblickliche Situation begründet - und sei es, dass sie in der hektischen Cabaletta nach dem Lippenstift kramt. Bei ihr ist Belcanto nicht mehr zirzensisches Ereignis, sondern eine Darstellung, die auch Mut zum enormen Risiko, zur Hässlichkeit beinhaltet. Gerade das Gebrochene, Mehrdeutige dieser Königin wird von ihr gezeigt. Wie sich in die kaum gebändigte Wut einer alternden Frau über ihre unerwiderte Liebe auch Trauer und das verzweifelte Festhalten an Roberto mischen. Wie sie im emotionalen Kampf das Todesurteil unterzeichnet. Und wie sie schließlich in einer tief berührenden Geste Abschied von der Krone nimmt, sich die Perücke abstreift und in den Irrsinn gleitet - ein Moment, der wohl keinem Besucher des Nationaltheaters mehr aus dem Kopf gehen wird.</P><P>Vor allem mit dieser grandiosen Szene spielt Christof Loys Inszenierung einen weiteren Trumpf aus. Denn neben der Intimität des Kammerspiels lässt er zugleich den "großen Moment" zu, verkleinert das Werk also nicht, sondern gestattet Pathos und raumgreifende Emotion. Zudem sind auch die Kollegen der Gruberova auf den Punkt besetzt: Jeanne Piland (Sara) bildet den Gegenpol, gibt die meist leidende, eher passive Frau, was sich in ihrem Mezzo widerspiegelt, der klangliche Wärme und wohllautende Körperhaftigkeit ausstrahlt, dabei unangestrengt den weiten Umfang der fast im Sopranbereich angesiedelten Partie durchmisst.</P><P>Idealer Sänger-Dirigent</P><P>Sehr glaubhaft auch Paolo Gavanelli, dessen Nottingham als Gönner Robertos anfangs Sympathien weckt, der aber die Maske des gutmütigen Abteilungsleiters fallen lässt, als er von Saras Liaison erfährt, seine Frau fesselt und sich in die kaltblütigen Business-Phalanx einreiht. Gavanelli nimmt ein durch schmiegsame, nuancenreiche Eleganz, in die extreme Ausbrüche klug eingebettet werden. Einzig Zoran Todorovich fällt stimmlich etwas ab. Die Substanz seines schön timbrierten Tenors wird spürbar, von ihm aber durch gestaut-gestemmte Tongebung nicht optimal zum Einsatz gebracht. Als Typ freilich, als kraftvoller Frauenheld, dessen Naivität ihm zum Verhängnis wird, überzeugt er.</P><P>Friedrich Haider, ein idealer Sänger-Dirigent, dosiert Emotion so, dass sie die Solisten stützt, missbraucht Donizettis Musik nicht zum Wunschkonzert-Humtata. Dieser souveräne Gestalter interessiert sich mit dem Staatsorchester für die Empfindsamkeit und die Zwischentöne, für die Verhaltenheit und für die kaum vermuteten Schattierungen der perfekt gebauten "Tragedia lirica". Mit gleich mehreren Glücksfällen wartet diese Produktion also auf, die zum Besten zählt, was in der Ära von Sir Peter Jonas bislang gezeigt wurde. Packender, wahrhaftiger lässt sich Oper nicht erträumen.</P>

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