Traummädchen und Seelensucher

- Rechtecke in Weißtönen, zum Teil rahmenartig ineinander gesetzt: konkrete Kunst? Eine Gestalt, gegliedert in geometrische Figuren wie Oval oder Kegel: gar von Oskar Schlemmer? Man bringt wohl kaum ein Bild aus der irrealen, seelenwabernden, geheimnisschwangeren Sphäre des Symbolismus in Verbindung mit den kühlen, klaren Varianten der Klassischen Moderne.

<P>Und doch steckt - als Embryo - in Fernand Khnopffs Porträt seiner Schwester Marguerite, von dem er sich nie trennte, die Zukunft der bildenden Kunst. Noch verschleiert der Realismus der feinen, sich leicht wegwendenden Gesichtszüge, des weißen, sehr hochgeschlossenen Baumwollkleides und der langen Glacé´handschuhe die Strenge der Komposition, aber schon die Armhaltung - hinterm Rücken fasst im rechten Winkel die linke Hand den anderen, hängenden Arm - beweist wieder das Balancieren auf dem Grat zwischen Natürlichkeit und Abstraktion.<BR><BR>Brügge, München, Wien</P><P>Dem großen belgischen Symbolisten Fernand Khnopff (1858-1921), aufgewachsen in Brügge, widmet das Salzburger Museum der Moderne im Rupertinum eine Retrospektive, die das Königlich-Belgische Kunstmuseum Brüssel konzipiert hat. Aber die österreichischen Ausstellungsmacher nahmen diese nicht einfach in Empfang, waren auch nicht völlig absorbiert von ihrer ersten Schau im neuen Museum am Mönchsberg, "Ein-leuchten" (wir berichteten), sondern ließen sich noch einen weiteren symbolistischen Schlenker einfallen; zumal das Museum seit langem dieser Richtung nachspürt. Khnopff zeigte bereits bei der ersten Secessions-Präsentation 1898 in Wien 21 Arbeiten. Übrigens waren zu dem Zeitpunkt Fernand Khnopffs Bilder schon seit Jahren in München bekannt. Bis 1901/02, zur achten Secessions-Schau, war er in Österreich vertreten.<BR><BR>Da man dort bislang eher von Historismus und Jugendstil gesprochen hat, analysieren die Salzburger mit einer ergänzenden Exposition den bildnerischen Reflex auf den Symbolismus Khnopffs. Auf diese Weise gehen im Obertitel "Das Rätsel der Sphinx" das Khnopff-Panorama und "Gustav Klimt und Wien um 1900" wie eine Einheit ineinander über. Differenzen, etwa Klimts eigenwillige "Handschrift", und Ähnlichkeiten werden deutlich. Die Frauenantlitze, flächig und etwas androgyn, tauchen bei dem Belgier ebenso auf wie bei den britischen Präraffaeliten und eben bei Klimt, Franz Stöhr oder anderen "Ver Sacrum"-Künstlern wie Koloman Moser oder Ernst Mallina. Die Grenzen zwischen Märchen-Traumfrau und Femme fatale sind verschwommen wie die unergründlichen Wasser, dämmrigen Landschaften oder Städte und all die seltsamen Wesen - wie das Rätsel an sich. <BR></P>

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