Das Traumpaar der Opernbühne

- "Marcello Viotti ist nicht mehr hier, aber ich singe den Alfredo für ihn." Rolando Villazón weiß, was er seinem verstorbenen Mentor verdankt, der die Neuinszenierung von Verdis "La traviata" bei den Salzburger Festspielen am kommenden Sonntag dirigieren sollte. "Er fehlt mir, seine Erfahrung, seine Liebe, seine Sicherheit", bekennt der Tenor, der sich zusammen mit Anna Netrebko in Salzburg einem Gespräch stellte.

Das neue Traumpaar der Opernbühne, hautnah: Sie im elfenbeinfarbenen Häkelkleid, er im aprikotfarbenen Leinen-Sakko, verfolgt vom Blitzlichtgewitter der Fotografen. Die Neugier ist groß. Denn Anna Netrebko singt nach ihrem sensationellen Debüt 2002 als Donna Anna in Mozarts "Don Giovanni" endlich wieder in Salzburg, und Villazó´n, der gern und zu Recht mit dem jungen Placido Domingo verglichen wird, debütiert an der Salzach. Carlo Ricci dirigiert und Willy Decker inszeniert. Obwohl dieser Regisseur geradezu freudianisch die ihm anvertrauten Opernfiguren analysiert, entdeckt Anna Netrebko an ihrer Violetta Valery nichts Neues: "Vieles an der Inszenierung ist sehr anders, aber der Charakter nicht."

"Ich bin verlobt, und er ist verheiratet."

Anna Netrebko

Villazón gesteht, dass die fünfwöchige Probenzeit mit Decker nicht nur viel Spaß gemacht hat, sondern auch voller Stress steckte, sehr ermüdend war, weil immer 100 Prozent gefordert waren. "Man musste immer bis an seine Grenzen gehen. Decker hat sehr spezielle Ideen. Natürlich sind die Gefühle der Figuren gleich, aber wie er sie aus einem herausholt, das ist schon besonders." Dass Opernsänger heute fulminante Darsteller sein müssen, ist dem Traum-Paar klar, und dass es zwischen ihnen beiden besonders knistert, begeistert das Publikum allerorten. Darauf angesprochen, hält Anna Netrebko lachend ihren Ringfinger in die Kameras: "Ich bin verlobt, und er ist verheiratet." Doch dass die Chemie stimmt, bestreiten beide nicht.

Villazó´n verrät, dass er Anna erstmals 1999 in Washington als Gilda hörte und sich sofort wünschte, mit ihr zusammen zu singen. In einer Münchner Repertoire-"Traviata" während der Opernfestspiele 2003 klappte es. "Wir hatten nur eine Probe, aber es funktionierte alles sehr natürlich. Wir reagierten ganz selbstverständlich aufeinander." Ob ihr Spiel am kommenden Sonntag bei der vom Fernsehen übertragenen Festspiel-Premiere auch so sein wird? Villazó´n gibt zu, dass ihn bei den Proben die vielen Kameras schon irritierten, "weil man ja selbst noch auf der Suche ist". Aber die Netrebko ist sicher: "Wenn es ernst wird, bei der Aufführung, ist man viel zu konzentriert, um die Kameras wahrzunehmen. Vielleicht animieren sie uns, noch intensiver zu spielen."

Trotzdem verrät Anna Netrebko, dass sie mit dem Verlassen der Bühne auch die Rolle abstreift. Dagegen amüsiert Villazó´n mit dem augenzwinkernden Bekenntnis: "Ich lebe mit meinen Rollen, führe Diskussionen mit Don Carlos, Romeo oder Alfredo. Sie sind immer um mich rum, und ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin." Während sie Erfolg schlicht "cool" findet, lässt er seinem "great" noch was folgen: "Erfolg ist das Resultat harter Arbeit. Aus ihm erwächst wiederum eine Verantwortung dem Publikum gegenüber, sich weiter zu entwickeln und weiter zu lernen." Gute Voraussetzungen für seinen "Werther" in Nizza. Aber auch für ihre "Figaro"-Susanna im Salzburger Mozart-Marathon 2006.

Der Bayerische Rundfunk überträgt Sonntag auf Bayern 4 die Premiere live, ab 20 Uhr. Die ARD sendet die Neuinszenierung zeitversetzt ab 23 Uhr im Ersten. Eine Direkt-TV-Übertragung der Premiere ab 20 Uhr bietet ORF 2.

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