Traumschönes auf lichter Bühne

- Früher sah man bei einem Tanzfestival neue Tendenzen, im Theater die etablierten Choreographen. Heute sieht man alles überall. Aber Globalisierung hin oder her, der Dreiteiler "Festival Dances", koproduziert ­ auch aus Kostengründen ­ von Münchens Dance-Biennale und Philip Taylors BallettTheater, war ein krönender Festival-Abschluss. Das Zuschauer-Jungvolk im Gärtnerplatztheater jubelt ja immer phonstark. Diesmal berechtigt.

Gleich die Uraufführung "Sheer Bravado" von Richard Alston ­ traumschön. Auf lichter Bühne, in die ein Metallgitter wie ein filigranes Schmuckstück hineinhängt, formieren sich zehn Tänzer zu wechselnden Formationen. Das ist Standard in abstrakten Choreographien. Aber Alston hat sich so hochgradig stimmig in Schostakowitschs Klavierkonzert Nr. 1 eingefühlt, dass Musik und Bewegung eine vollkommene Einheit schaffen ­ aus der dennoch jede Tanzsequenz in ihrer Eigenart herausleuchtet.

Lyrisch zart der langsame Satz, bei dem sich aus einem Tableau mit vier Paaren jeweils verschiedene Pas de deux entwickeln, ungemein tänzerisch ­ und nie ein Schritt zuviel. Zu schnellen Klavierpassagen (sehr schön von Oleg Ptaschnikow) und dem zirkusnahen Trompeten-Solo lässt Alston vor allem die Männer in quecksilbrig heiteren Duetten und Quartetten auftanzen.

Alston, Gastchoreograph bei Elite-Ensembles, kombiniert klassische Beinarbeit mit extrem weichem Modern-Dance-Fluss im Oberkörper. Das schafft hochinteressante Spannung und genau das im Titel versprochene "Bravado"-Tanzen.

Brillanz und Reife

Tanzchef Philip Taylor präsentierte als Münchner Erstaufführung sein "Sacred Space" von 1991. In liegenden, kreisförmig sitzenden und laufenden Formationen lässt er zu den mysteriösen Klangstößen von Arvo Pärt ("Fratres", "Pari Intervallo", "Arbos") den "geheiligten Raum der Bühne" abstecken. Wenn Tänzer sich für individuelle, oft aus der Mitte des Körpers explodierende Soli ins Zentrum begeben, betont das noch die rituelle Feier, die in den schwarzen Kostümen, in den strengen winkeligen Armpositionen an die frühen Arbeiten von Martha Graham, Taylors Vorbild, erinnert.

Von Tanzlegende Carolyn Carlson die Uraufführung "If to leave is to remember": eine poetische Fantasie über das Thema "Trennung". Auf den Rhythmuswellen von Phil Glass‘ "Mishima"-Filmmusik jagen Männer, die offenen weißen Hemden flatternd, in verquer galoppierenden Schritten über die Bühne, Flucht signalisierend. Und auch die stilleren, sich auflösenden Paarbeziehungen lassen sich als Flucht, Trennung und Abschied von der Liebe, auch vom Leben deuten.

"Festival Dances" ­ ein in Stil und Atmosphäre abwechslungsreicher Abend, von Claudia Doderer mit höchster dezenter Eleganz ausgestattet, sehr gut musiziert vom Gärtnerplatz-Orchester unter Andreas Kowalewitz und fantastisch getanzt von Taylors Tänzern. Technische Brillanz ist seit langem ihr Markenzeichen. Mit diesem Abend hat Taylors BallettTheater künstlerische Reife bewiesen.

Morgen sowie 3. und 15. 12.

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