Traurigsein kommt sowieso

- "Nicht nörgeln/ Und schnörkeln,/ Sondern lachen/Und machen!" schrieb Ruth Pappenheim ihrer Freundin Inge Goldstein ins Poesiealbum und klebte daneben eines dieser wunderbaren ausgestanzten Bildchen, in dem Fall ein Amor mit Riesengitarre auf Vergissmeinnicht-Blüten. 13 Freunde und Schulkameraden sowie ihren Religionslehrer ließ Inge in ihr hübsches Büchlein schreiben - der Rest der Blätter blieb leer, nachdem das Mädchen im Herbst 1938 mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten emigriert war.

",. . . Traurigsein kommt sowieso’ - Ein jüdisches Poesiealbum 1938/ 39": Unter dem Titel schildern das Münchner Stadtmuseum und das Stadtarchiv mit einer berührenden Ausstellung im Jüdischen Museum (Reichenbachstraße 27/ Rückgebäude der Israelitischen Kultusgemeinde), wie Kindheit zerstört wird.

Man blickt auf das nette Büchlein, die - heute nostalgischen - Schmuckbilder, auf die bemüht ordentliche, aber doch noch steife Schrift der kleinen Volksschüler, und man könnte wegen des herzigen Kitschs lächeln, wenn man nicht zugleich überlegte, wer von Inges Freunden den Nazi-Mördern in die Hände gefallen ist. Im Poesiealbum verkörpert sich die heile Welt der Kinderträume, des Bürgertums des 19. Jahrhunderts (aus dem es stammt), die auch für die jüdischen Deutschen Realität geworden schien. Und in Inges Poesiealbum verkörpert sich die Vernichtung dieser Hoffnung. Denn es musste nach New York reisen.

Inge Wetzstein, geborene Goldstein, besuchte 1994 das Jüdische Museum ihrer alten Heimat, das damals von Richard Grimm geführt wurde, und schenkte ihm das Büchlein. Jetzt ist es das zentrale Exponat der von Doris Seidel konzipierten Schau. Das Stadtarchiv konnte nicht nur Fotos von den Kindern und der Ohel-Jakob-Schule in der Herzog-Rudolf-Straße auftreiben, sondern auch ein weiteres Poesiealbum. Bei Hilde Rosenbaum, Jahrgang 1927, ist dabei nachzuvollziehen, wie die Nazi-Gesetze zum Schulwechsel zwangen. 1933 war die öffentliche Schule verboten für jüdische Kinder; 1942 - es gab nur noch 13 Schüler in München - wurde ihnen der Unterricht ganz untersagt.

Mit der sorgfältig konzipierten und gestalterisch ansprechenden Schau, die einen Bogen schlägt bis zu den heutigen jüdischen Schulen und Jugendaktivitäten, schließt das interimistische Jüdische Museum seine Arbeit ab, um sie 2007 im neuen Haus am St.-Jakobs-Platz als eigenständige Institution wieder aufzunehmen.

Bis 27.4., Di. 14-18 Uhr, Mi. 10-12, 14-18 Uhr, Do. 14-20 Uhr; Tel. 089/ 20 00 96 93.

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