Trend zum Empörungsbuch

- "Wir mögen zwar winzig aussehen, aber im existenziellen und ästhetischen Sinn sind wir ein untrennbarer Bestandteil der europäischen Kultur, des gemeinsamen Erbes und einer gemeinsamen Gegenwart." So das Bekenntnis des litauischen Schriftstellers Sigitas Geda in seiner gestrigen Rede zur Eröffnung der 54. Frankfurter Buchmesse. Wenn sich auch Bundeskanzler Gerhard Schröder mit Koalitionsverhandlungen entschuldigte und er durch den Noch-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin vertreten wurde: Der Regierungschef des diesjährigen Schwerpunkt-Landes Litauen, Valdas Adamkus, ließ es sich nicht nehmen, selbst in Frankfurt zu reden:

<P>Litauens Literatur sei geprägt von der Geschichte des kleinen Landes. Nach der Unterdrückung durch den russischen Zaren hätten die Litauer nach dem Ersten Weltkrieg eine moderne europäische Kultur geschaffen. "Die damals eingeatmete Luft der Freiheit half in der späteren Zeit der faschistischen und sowjetischen Besatzung zu überleben. Zu überleben, indem man schrieb."</P><P>Dass die Zeit im Moment nicht mehr ganz so gut ist für Bücher, wird heute allerorten erfahren. Die wirtschaftlichen Nachrichten aus der Verlags- und Buchhandelsbranche sind etwa vergleichbar jenen Daten anderer Bereiche. Geschäftsaufgaben, Kurzarbeit, Umsatzschwund _ ein bis zwei Prozent Minus erwartet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels für das Gesamtjahr. Für Frankfurts Messe bedeutet das: Die Zahl deutscher Aussteller ging gegenüber dem Vorjahr von 2 472 auf 2 128 zurück. Zudem haben viele Verlage mit einst üppigen Messe-Auftritten ihre Standgröße reduziert. Zu ihnen gehört auch die Verlagsgruppe Random House, die sich nun anstatt auf 1600 nur noch auf 1000 Quadratmetern präsentiert.</P><P>Dennoch wollte anlässlich der gestrigen Eröffnung Buchmessen-Direktor Volker Neumann nicht in Wirtschafts-Pessimismus verfallen: Die Buchbranche schaue verhalten optimistisch in die Zukunft. Die Messe fühle sich quicklebendig. Überhaupt befinde sich die Branche insgesamt in keiner Krise, sondern habe derzeit lediglich Schwierigkeiten wie andere auch. Für 2003 rechnet sogar der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann, mit einem Wachstum von zwei Prozent.</P><P>Zu beobachten ist, dass sich das Interesse der Käufer verschoben, verlagert hat. Unter einer gewissen Publikums-Zurückhaltung hat besonders die Belletristik zu leiden. Insgesamt lässt sich aber feststellen, dass auch die Baisse auf Arbeits- und Aktienmärkten neue Lesebedürfnisse weckt. Bedürfnisse, für die der Leser auch bereit ist, Geld auszugeben. Dabei handelt es sich vorrangig um jene Unternehmen, die Wirtschafts- und Weiterbildungsliteratur sowie Literatur zur Wirtschaftsethik anbieten.</P><P>Der Münchner Econ Verlag konstatiert darüber hinaus einen Trend zum "Empörungsbuch", das sich an den über sein geschrumpftes Depot erzürnten Anleger wendet. Verlagssprecher Claus Carlsberg: "Wir gucken, ob in einem Thema Emotion steckt _ positive oder negative. Dann haben Bücher eine Chance."</P><P>Verkaufschancen rechnen sich aber auch jene Verlage aus, die jenseits der großen Dichternamen auf Idole der Medienkultur setzen: Wetterexperte Jörg Kachelmann stellt heute fünf vor zwölf sein Buch "Die große Flut" vor; die Box-Brüder Vitali und Wladimir Klitschko präsentieren ihre Fitnessbibel; und Modern-Talking-Chef Dieter Bohlen wirbt hemmungslos mit den "Abenteuern seines Lebens".</P><P><BR> </P>

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