Auf Trennkost gesetzt

- Drei Kreuze schlagen, das passt nicht zu ihm. Aber erleichtert aufstöhnen dürfte der Intendant am 31. Juli gegen 23 Uhr schon - wenn sich der Vorhang über die "Meistersinger" senkt, wenn Peter Jonas dann am Ende einer Spielzeit steht, wie sie nervenaufreibender, arbeitsreicher nicht hätte sein können.

<P>Ein eilends durch David Alden gekitteter "Ring des Nibelungen" mit einer nicht geplanten "Walküre", unterm Strich also sieben Premieren inklusive einer Uraufführung: Daran gemessen verdient die Bayerische Staatsoper großen Respekt - hält auch das künstlerische Ergebnis nicht mit dem Kraftaufwand Schritt.</P><P>Ein paar hundert Meter weiter, am Gärtnerplatz, offerierte Kollege Klaus Schultz immerhin fünf Neuproduktionen. Womit sein Haus auch in der Saison 2002/03 punktete: mit einem ausgezeichneten Ensemble, das Doppelbesetzungen selbst in kniffligen Opern gestattet. Auch mit diesem Dirigenten-Trio: mit dem charismatischen Chef David Stahl, mit Ekkehard Klemm als akribischer, die Partituren dramatisch aufladender Quellenforscher. Und mit Constantinos Carydis, dessen Temperament Premierenspannung in Routine-Abende zauberte - und der dem Theater leider nur noch als Gastdirigent verbunden bleiben wird.</P><P>Aber sonst? Im Grunde glückte dem Gärtnerplatztheater lediglich eine Produktion: die Uraufführung von Arwet Terterjans "Das Beben", szenisch betreut von Claus Guth. Rabenschwarzes erlebten Münchens Mozart-Fans: Jochen Schölchs gescheiterte "Così` fan tutte" ist das Pendant zu Martin Duncans Regie-Unfall "Entführung aus dem Serail" im Nationaltheater. Gärtnerplatz-Chef Klaus Schultz, das ehrt ihn, mutet seinem Publikum Ambitioniertes zu. Doch Franz Winters "Fledermaus" erstickte im dramaturgischen Zierrat, Hellmuth Matiaseks "Feuersnot" bewies ungewollt, dass man das Strauss-Stück nicht spielen muss. Und Julia Riegels "Werther" kam über Braves in Pastelltönen nicht hinaus.</P><P>Bleibt also Terterjans grandioses "Beben", eine zeitgenössische Oper, die eben nicht allein über kopfgesteuerte Wahrnehmung funktioniert, deren sinnlich-soghafte Klangwelt berührte. Genauso Jörg Widmanns (völlig konträr gepolte) Staatsopern-Produktion "Das Gesicht im Spiegel" in der Regie Falk Richters. Beide Uraufführungen strahlen weit über die Saison hinaus, brachten Innovativeres als die nur um sich selbst kreisenden Musiktheater-Biennalen.</P><P>Seltsame Spielplanpolitik</P><P>Widmann, Mozart, gleich dreimal Wagner plus zweimal Händel, kein einziger Italiener: Die Bayerische Staatsoper setzte ihr Publikum auf merkwürdige Trennkost. Und servierte in der Kategorie Regie Einheitsgerichte: Von sieben Premieren vier Arbeiten à` la David Alden. Das ist zwar durch die "Ring"-Situation bedingt, konfrontierte aber mit bald durchschaubarem Stil: Unzweifelhafte Kreativität und virtuoser Umgang mit Einflüssen aus cineastischer und bildender Kunst erzielten nur eine disparate Bilderschau, die kaum unter der Oberfläche kratzte. Im "Ring" überzeugte allenfalls der "Siegfried", Händels "Rodelinda" überraschte durch szenische Ökonomie (oder Nicht-Regie?). </P><P>Vor diesem Hintergrund erscheint das Debüt von Christof Loy mit "Saul" fast wie eine Perestroika in Münchens Händel-Pflege. Zweifellos die Aufführung der Saison. Weil sie nicht mit Ausstattung überrumpeln will, sondern höchst intelligentes, handwerklich herausragendes, unprätentiöses wie gehaltvolles Theater bietet. Umso wichtiger, dass Peter Jonas diesen Regisseur hält - immerhin inszeniert Loy kommende Saison hier Donizettis "Roberto Devereux".</P><P>Doch sonst mag/ kann die Staatsoper nur schwer zu ihren Pfründen stehen: "Saul" wird erst 2005 wiederaufgenommen, die Widmann-Oper muss vorerst auch ins Depot. Und Achim Freyers genialischer "Orfeo" wurde komplett abgesetzt - weil das gastierende Chor- und Instrumental-Ensemble angeblich zu teuer kommt.</P><P>Welch seltsame Spielplan-Politik: Wer zu seinen Produktionen steht, kann sie auch in Zeiten knapper Kassen finanzieren. </P><P>Verschiebemasse gäb's genug: Warum nicht die "Entführung" einstampfen? Warum eine Gast-Produktion von Londons ENO im Juli 2004? Warum neue "Meistersinger"?<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare