Treuer, unbeugsamer Pate der Kunst

- Heute hängen die Gemälde, die er als ausdauernder, unbeugsamer und wohl oft auch langmütiger Pate in Obhut hatte, in den Museen der Welt; ihre Abbildungen gehören zwingend in Standardwerke über die Kunst des 20. Jahrhunderts nach 1945. Die Rede ist von Otto van de Loo. Ihm widmen jetzt die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in der Münchner Pinakothek der Moderne (PDM) - als kleine Wiedergutmachung sozusagen - die Ausstellung "Leidenschaft für die Kunst - Otto van de Loo und seine Galerie". Vor 30 Jahren war der Münchner Kunst-Vermittler nicht einmal bis zur Direktion vorgedrungen, um darüber verhandeln zu können, ob man einige seiner Werke ankaufen wolle. Eine erstaunliche Reserviertheit, zumal die Gemälde als Leihgaben bereits in einem eigenen Raum präsentiert wurden. Jetzt gehören sie der Londoner Tate Gallery.

<P>Otto van de Loo, 1924 in Witten geboren, eröffnete 1957 seine Galerie in München und führte sie bis 1997; nun leitet sie seine Tochter Marie José´. Er stellte aktuelle Kunst vor, 1958 erstmals in Deutschland Asger Jorn von der Cobra-Gruppe (Copenhagen, Brüssel, Amsterdam). Jorn, Constant, Karel Appel und Kollegen malten wild, scheinbar ungezügelt. Die Expressivität wurde explosiv. Man wollte weder etwas mit traditionell gegenständlicher noch mit elegant abstrakter Malerei zu tun haben. "Ursprünglichkeit" wollten die Künstler erlangen - weit weg von allen bürgerlichen Normen. Ähnlich empfand die Münchner Gruppe SPUR mit Heimrad Prem, Lothar Fischer, HP Zimmer und Helmut Sturm. Sie wurden prompt wegen Pornografie angeklagt und waren lange als "Nestbeschmutzer" verschrieen. Die Verbindung zu den über-theoretischen, anti-kapitalistischen "Internationalen Situationisten" sorgte obendrein für Reibereien mit Links.<BR><BR>Van de Loo hat all diese Schlachten mitgeschlagen und die Treue gehalten. Seine enorme Sammlung hat er zwischen Berlin und der Kunsthalle Emden aufgeteilt. In der PDM ist nun ein imponierender Querschnitt mit den Objekten seiner Leidenschaft in den Sälen Temporär I und II zu sehen. Der erste Raum fasst die Cobra-Künstler zusammen. Besonders erfreulich, dass man nicht nur die alten Bekannten von Jorn bis Pierre Alechinsky trifft, sondern auch Künstler wie Maryan oder Maurice Wyckaert. Feuerrot lässt der die Leinwand erglühen, darin eingelagert Grellgrün, Mattblau und Violett - leuchtend, als scheine die Sonne durch ein farbiges Kirchenfenster. Maryan hingegen ist inspiriert von Picasso und übersteigert eine sexy Eis-Schleckerin ins Wüste, Faschingsbunte.<BR><BR>Im anderen, dem Münchner Saal stimmen einen Hans Platscheks bizarre Künstlerporträts auf die aufmüpfige Rasselbande ein; Dokumente und die SPUR-Zeitschrift erinnern an den Prozess. Die heimatliche Riege wurde erweitert zum Beispiel um den Österreicher Arnulf Rainer oder den Spanier Antonio Saura. In dieser Zusammenschau kann der Betrachter ganz kompakt all die damals frischen Ansätze, die uns heute geläufig sind, erleben: Enthemmung, zugleich disziplinierte Suche nach neuen "Formulierungshilfen" wie Kunst von Kindern und Geisteskranken, Übermalung, wie das Spiel mit Vorlagen, "Fremd"-Materialien auf der Leinwand oder wie das Durchlöchern der Bildfläche.</P><P>Bis 3. April, Tel. 089/ 23 80 53 60; Begleitbuch, Pinakothek-DuMont: 18,90 Euro.<BR></P><P><BR> </P>

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