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Ob es Gromit gelingen wird, den wild gewordenen Staubsauger zu zähmen? Wallace scheint skeptisch zu sein. Diese geknetete Szene stammt aus der im Jahr 2002 erschienenen Kurzfilm-Sammlung „Wallace & Gromit – Großartige Gerätschaften".

Paris feiert eine Knete-Fete

Trickfilm-Juwelen: Der Charme des Handgemachten

Paris - "Wallace & Gromit", "Schaf Shaun" und andere Helden der Aardman-Studios sind museumsreif – Paris feiert den Charme des Handgemachten mit einer Ausstellung über Trickfilm-Juwelen.

Derzeit gibt es viele Gründe, nach Paris zu reisen: die große Velázquez-Ausstellung im Grand Palais zum Beispiel. Oder Frank Gehrys neuen Museumsbau für die Stiftung Louis Vuitton, der aussieht wie ein kleiner Bruder von Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao. Oder Jean Nouvels frisch eröffnete Philharmonie, die eine Akustik bietet, von der die Münchner bislang nur träumen können (wir berichteten). Für Kinofans lohnt es sich vor allem, in das auf Animationsfilme spezialisierte Museum Art Ludique zu pilgern: Es zeigt bis Ende August eine wunderbare Ausstellung über die britischen Aardman-Studios, denen wir die ulkigsten und kultigsten Knetgummi-Helden der Filmgeschichte verdanken – von Wallace & Gromit über die rennenden Hennen aus „Chicken Run“ bis hin zu „Shaun das Schaf“, das im gleichnamigen „Blökbuster“ gerade über die Kinoleinwände tollt. Allein in Deutschland haben den Film bislang rund 1,4 Millionen Menschen gesehen.

Diese Plastilin-Protagonisten laden nun in Paris zur großen Knete-Fete: Die Ausstellung bietet einen interessanten Einblick in die Arbeit der Aardman-Trickfilmer. Gegründet wurden die Studios in Bristol von den beiden Schulfreunden Peter Lord und David Sproxton, die schon als zwölfjährige Knirpse ihren ersten selbstgebastelten Kurzfilm für 15 Pfund Sterling an die BBC verkauften. Ihre frühen Experimente mit Knetmasse sind in der Pariser Schau zu entdecken – faszinierende Kurzfilme und Werbespots, in denen etwa singende Würstchen oder eine Schreibmaschine aus Knochen auftreten.

Beim Ausstellungsrundgang wird deutlich, warum die Aardman-Filme im Laufe der Jahrzehnte nicht nur diverse Oscars gewonnen haben, sondern vor allem die Herzen der Kinozuschauer aus aller Welt: Neben dem skurrilen britischen Humor und einer hinreißenden Liebe zum Detail ist es insbesondere der Charme des Handgemachten, der diese Trickfilm-Juwelen von sterilen computeranimierten Spektakeln unterscheidet. Denn bis heute schwört man bei Aardman auf die aufwendige Stop-Motion-Technik, bei der sämtliche Bilder einzeln aufgenommen und die Knetfiguren für jedes Bild nur minimal verändert werden, sodass im Film flüssige Bewegungen zu sehen sind.

Dafür nötig sind ein Haufen Knete (pro Kinofilm werden knapp drei Tonnen Plastilin verbraucht) und eine Menge Geduld: „Es ist, als würde man die Chinesische Mauer aus Streichhölzern bauen“, sagt Steve Box, Co-Regisseur von „Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“. In diesem Animations-Abenteuer kämpfen Wallace, der schusselige Erfinder, und Gromit, sein schlauer Hund, gegen ein mysteriöses Mümmelmonster – mit Hilfe eines eigens konstruierten Kaninchensaugers und eines Gehirnwäsche-Apparates. Diese beiden gefährlichen Gerätschaften sind ebenso in Paris zu sehen wie die legendäre Flugmaschine aus „Chicken Run“ und mehr als 30 Original-Filmsets: lauter kleine Meisterwerke der Bildhauerkunst, mal meterhoch wie die Galeere aus „Die Piraten – Ein Haufen merkwürdiger Typen“, mal nur puppenstubengroß wie Wallaces Wohnzimmer, Gromits Gemüsegarten oder die Scheune aus „Shaun das Schaf“.

Ausgangspunkt für alle Aardman-Produktionen sind detaillierte Zeichnungen, nach denen später die Figuren und Sets modelliert werden. Darum finden sich in der Ausstellung auch fast 400 gezeichnete oder aquarellierte Skizzen, Entwürfe, Charakterstudien und Storyboards. Besonders aufschlussreich sind die Skizzenbücher des „Wallace & Gromit“-Erfinders Nick Park: Da stößt man nicht nur auf die tanzenden Brathühner aus dem preisgekrönten Video zu Peter Gabriels Hit „Sledgehammer“, sondern stellt auch verblüfft fest, dass Wallace auf den allerersten Zeichnungen aus Parks Studentenzeit noch einen Schnurrbart trug.

Neben den Skizzen, Modellen und Sets präsentiert das Museum die dazu passenden Filmszenen: Ausschnitte aus den berühmten Kinofilmen, aber auch mehr als 60 Kurzfilme, Werbespots und Videoclips, die meisten davon in Deutschland völlig unbekannt – hier lassen sich viele herrliche Entdeckungen machen. Zudem kann man etwa in einem Schulungsvideo lernen, Wallace & Gromit elegant nachzuzeichnen (wobei auffällt, dass Wallace nie mehr als vier Zähne im Oberkiefer hat). Abgerundet wird die Präsentation durch exzellente Erläuterungstexte, jeweils auf Englisch und Französisch. Kurz gesagt: Diese bezaubernde Ausstellung ist genauso liebevoll gemacht wie die Filme aus der Aardman-Schmiede.

Bis 30. August, täglich außer Di., 34 quai d’Austerlitz, Paris; www.artludique.com.

von Marco Schmidt

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