Tristan mit anderen Mitteln

München - Kontinent Sciarrino: Rebecca Horn inszenierte "Luci mie traditrici" in der Kollegienkirche.

"Wenig geschieht", notierte der Meister selbst, "sozusagen gar nichts". Was nun eine gehörige Untertreibung ist. Gewiss mag sich diese Musik nicht anbiedern an den Hörer, auf dass der seine gewohnte Rolle des passiven, pappsatten Konsumenten spielen darf. Aber "gar nichts"? Wer die Musik von Salvatore Sciarrino vernimmt, der sitzt und kann nicht anders: aufgerichtet, kerzengerade, auf der Stuhlkante. Eine Musik, so seidig gewirkt, so sinnlich und spinnwebenfein, die vorführt, wie Stille lärmen kann: Nie sonst tönen Leerstellen zwischen Noten lauter - und schöner.

Ausgerechnet dieser 1947 geborene Italiener ist heuer dank Musikchef Markus Hinterhäuser der zentrale Komponist der Salzburger Festspiele. Jener gern fassadenhaften Unternehmung also, wo gerade am vergangenen Wochenende zum Plaisir der VIPs "Otello" und "Romeo" aus den Festspielhäusern dampften. "Kontinent Sciarrino" - eine solche Programmlinie grenzt da schon an Subversion.

Mehrere Sciarrino-Konzerte gruppieren sich um ein zentrales Ereignis, um die 1998 in Schwetzingen uraufgeführte Oper "Luci mie traditrici" (deutscher Titel: "Die tödliche Blume"). Eigentlich sollte Klaus Michael Grüber für die Kollegienkirche inszenieren. Doch nach dem Tod des großen Regisseurs nahm die deutsche Künstlerin und als Ausstatterin engagierte Rebecca Horn das Heft gleich selbst in die Hand.

Sciarrinos kurzer Zweiakter beruht auf einer wahren Begebenheit: Im 16. Jahrhundert meuchelte der Fürst und Komponist Don Carlo Gesualdo seine Gemahlin Donna Maria und ihren Geliebten. "Luci mie traditrici" bleibt aber nicht klassische Rache-Situation, ist vielmehr ein spitzfindiger, emotional implodierender Zweierdiskurs über ewige Treue und Liebe. "Tristan" mit anderen Mitteln (und Folgen): mit manchmal weit gespannten Vokalphrasen, oft auch rezitativischen, wie hastig vorgetragenen Satz- und Verzierungsfragmenten, in denen Sciarrinos Renaissancekollegen widerhallen.

Rebecca Horn  nimmt Gestus und Temperatur des Stücks auf. Eine so simple wie wuchtige Anordnung: Bühne, dunkelrotes Himmelbett, zwei Stühle, die auf Messerspitzen stehen, dies alles beherrscht von einer Leinwand. Rebecca Horns dorthin projizierte Bilder sind wunderbare Ergänzung und Kommentar, keine Verdoppelung: so dynamische wie filigrane Strukturen, auf denen Rosenblätter tanzen und hereingeblasenes rotes Pigment von Blutigem kündet.

Ganz klar, ganz stringent, ganz konventionell wird erzählt. Dass die Inszenierung nicht auf den Mysterienraum der Barockkirche reagiert, sondern wie eingepflanzt wirkt, verwundert etwas. Dafür schmiegen sich die Musiker des Klangforum Wien unter Beat Furrer in die Akustik. Sciarrinos Klänge erhalten einen Nachhall-Körper, sind oft auch, in ihrer zwitschernden Geräuschhaftigkeit, kaum zu orten.

Mit frappierender Selbstverständlichkeit bewegen sich die Sänger Otto Katzameier (Graf), Anna Raziejewska (Gattin), Kai Wessel (Geliebter) und Simon Jaunin (Diener) in der Partitur, nutzen Affekte und Linien als für sie völlig natürliche Vokaläußerungen.

Wie aus einem fernen, einstündigen Traum taucht man da wieder auf in die Realität des Vorplatzes. Dorthin, wo schon die Silberschlitten für die VIPs warten.

Weitere Aufführungen:

Heute und morgen; Tel. 0043/ 662/ 8045-500.

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