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Premieren-Kritik

"Tristan" in Bayreuth: Ab in die Werkstatt 

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Bayreuth - Sie hat eine bemerkenswerte Entwicklung gemacht: Bei der Eröffnungspremiere von "Tristan und Isolde" in Bayreuth erntet keinen einzigen Buh-Ruf, dafür aber Musikdirektor Christian Thielemann. So war die Premiere: 

Vertrag ist Vertrag. Noch einige Liebestodtränen werden ihr gestattet, während die Leiche des Geliebten an ihrer Schulter lehnt. Eine Vision, in der sich Isolde mit Verzweiflungsfantasie das Fortleben Tristans denkt, bevor Marke die legal erworbene Gattin davonzerrt. Wieder so eine väterliche Figur, die von der Regisseurin ins Böse umgekrempelt wird. Seit ihrem Würzburger Regiedebüt Anno 2002 mit dem „Fliegenden Holländer“ geht das schon so bei Katharina Wagner. Und natürlich schwingt nun hier, an diesem seltsamen Festspielort mit der noch seltsameren Sippe, auch anderes mit. Inszenieren als Familienbespiegelung, wie es auch bei ihren Bayreuther „Meistersingern“ aufflammte?

Den Druck muss man erst aushalten. Und viel Verkrampftes, das im Vorfeld dieser Bayreuther Premiere von „Tristan und Isolde“ passierte, ist auch darauf zurückzuführen. Bis hin zu einer Regisseurin und Festspielchefin, die sich am Ende nur einmal kurz mit dem Team zeigt und fast nicht wahrgenommen wird. Überraschter Jubel, kein Buh, dann ist sie auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Und schenkte sich tags darauf offenbar auch den so wichtigen Termin der Wahnfried-Wiedereröffnung. Dennoch: Eine bemerkenswerte Entwicklung hat Katharina Wagner zurückgelegt. Ruhiger, strukturierter ist sie geworden, zumindest auf der Bühne.

Wozu der Liebestrank?

Die „Nacht der Liebe“, von der ihr Urgroßvater raunt, ist bei ihr kein wohliges, schützendes Dunkel, sondern Bedrohung, auch graues Zwielicht, in dem sich weite Teile des ersten Akts abspielen. Wie unschlüssig existieren da die Titelhelden und ihre Betreuer Brangäne und Kurwenal in einem Treppenlabyrinth, das Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert à la Piranesi oder Escher gebaut haben. Mehr Installation als solistendienliche Szenerie: Manchmal ist kaum auszumachen, wer wo gerade singt. Bis Isolde den zögerlichen Tristan zum Kuss zwingt. Komm doch, das ging doch früher auch, sagt dieser Augenblick. Und: Wozu der Liebestrank?

Nicht nur drei Bühnenbilder, drei Welten sind zu sehen. Neben dem Treppengewirr ein hoher Gefängnisraum, in dem Markes Schergen die Spots ihrer Suchscheinwerfer kreisen lassen. Schließlich das diffuse Nichts des dritten Akts, in dem Kurwenal und seine Getreuen brüten und in dem Tristan halluziniert. Die Erfüllung dieser Liebe bleibt Vision. Ob zuvor als Video zweier geheimnisvoller Gestalten oder jetzt als geisterhaft vervielfältigte Isolden, die in beleuchteten Dreiecken schweben. Ein nihilistisches Bild von dieser Beziehung zeichnet da Katharina Wagner. Mit dem Willen zur Poesie, mit viel Raum für die Solisten, die oft Singsäulen sein dürfen. Aber eben auch mit anderem.

Lücke zwischen Konzept und Umsetzung

Zwischen Konzept und versierter handwerklicher Umsetzung klafft dann doch eine Lücke. Manche Zeichen werden zu oft wiederholt, anderes ist unlogisch. Die Perspektivenwechsel, mal Tristans Träume, mal Isoldes Vision, auch Reales und Traum sind nicht richtig verschränkt. Eine Inszenierung ist da in Bayreuth zu erleben, die Plausibles behauptet, der aber die Feinabstimmung fehlt. Auch das Fingerspitzengefühl, das Quäntchen Erfahrung. Autoren haben ihre Lektoren, Vergleichbares wäre der Regisseurin Wagner zu wünschen. Als sich Tristan und Isolde im zweiten Aufzug die Pulsadern aufschneiden und dazu zweckfreie Metallspiralen verbiegen, wird’s sogar komisch: Tod durch Fahrradständer?

Thielemanns "Tristan" ist teilweise ein Sprint

Dass die Chefin keinen Anlass zur Wut bietet, diese Erleichterung ist im Festspielhaus zu spüren. Dafür muss einer ein paar Buhs einstecken, dem das hier noch nie passiert ist. An Christian Thielemanns Interpretation kann es nicht liegen. Stellenweise hört man einen „Tristan“-Sprint. Das Drängen der beiden Titelhelden zueinander übersetzt Thielemann in sich überschlagene Gesten, in Momente, in denen der Motor des Festspielorchesters bis kurz vor den Kolbenfresser heißläuft, so als ob sich die Instrumentengruppen gegenseitig überholen wollen und gleichzeitig unendlich viele Details ihrer Stimmen vorzeigen können. Wie so oft bei ihm ist es eine extremistische Interpretation, die sich der einen Schublade verweigert. Dazu gibt es zu vieles, in dem er sich mit den hingebungsvoll mitgehenden Musikern den schönen Augenblick gönnt. In dem das Geschehen abgebremst wird in eine zauberische, entrückte Poesie. Und in denen die ganze Fülle der Wagner'schen Instrumentationskunst ausgebreitet wird – man wird doch mal ausgiebig naschen dürfen, auch davon kündet dieser Thielemann-Abend.

Stephen Gould: Als "Tristan" konkurrenzlos

Mit Stephen Gould, ein konkurrenzloser Tristan, findet er zu bestechenden Korrespondenzen. Gould kann es sich leisten, in keinem Takt aufs Deklamieren auszuweichen. Kraft, Selbstbewusstsein, überlegenes Abrufen der gestalterischen Mittel spricht aus seinem Gesang. Das geht so weit, dass ihm im Finalakt, wo den Kollegen nur drastisches Bellen bleibt, alles glückt, von entspannten Lyrismen bis zu kontrollierten Ausbrüchen. In derselben Liga spielt Georg Zeppenfeld als zwielichtiger, antiväterlicher König Marke. Iain Paterson packt als Kurwenal einige Wotan-Töne aus, er wird ihn hier schließlich 2016 auch singen. Christa Mayer forciert sich ungesund und wie nach einer Überbelastung durch die Brangäne.

Und Evelyn Herlitzius, die unter seltsamen Umständen für Anja Kampe kam? Als Gesamtkunstwerk, als Sängerdarstellerin, die ihre Intensität raumfüllend auslebt, ist das fesselnd. Eine Schönsängerin war sie nie, dafür eine, die sich rollenhinterfragend in ihre Figuren wirft. Wer die Augen schließt, hört aber auch anderes: ein ungesundes, ungenaues Flackern, eine Stimme, die ja nie genuin hochdramatisch war, der nun aber auch das Zentrum abhanden kommt, was nur mit Druck ausgeglichen wird. Buhs dafür sind trotzdem ungehörig, auch dank Evelyn Herlitzius funktioniert der Abend überhaupt. Ein Aufführung, der nun sehr Heilsames passiert: Sie darf für einige Jahre in die Bayreuther Werkstatt.

Markus Thiel

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