Tristan auf Mallorca

- "Ich trink ihn dir." Und Isolde, vom wilden Entschluss gepackt, setzt den Becher an. Mit bekannten Folgen: plötzlich aufflammendes Liebesweh, unstillbar und unheilbar. Doch hier leider nicht in den Armen des Ersehnten, sondern 15 Meter von ihm entfernt. Was den Tristan-Darsteller zum heftigen Disput mit Regisseur August Everding veranlasste. Schlichtung gescheitert, Tenor "krank" gemeldet. Und statt auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters zu sterben, räkelte sich René Kollo auf Mallorca in der Sonne.

<P>Ein schwieriger Sänger? Auf jeden Fall einer, der bis zur letzten Konsequenz um seine Überzeugungen kämpft. Der an den heutigen Theatern "Gehorsam" und "Duckmäusertum" wittert. Also ein Unbequemer, der sich das Aufmucken freilich - dank seiner überragenden Position in der Opernszene - leisten konnte. Seinen Widerwillen machte Kollo zuweilen augenfällig: In David Aldens Münchner "Tannhäuser" zum Beispiel produzierte der Star zwar gewohnte Helden-Dramatik, sein Spiel kam allerdings einer Verweigerung gleich.<BR><BR>René Kollos Autobiografie "Die Kunst, das Leben und alles andere . . ." ist voller Begebenheiten à la "Tristan"-Streit. Voller Anekdoten über den zickigen, durch Krankheit geschwächten Karajan, über den detailversessenen Rudolf Noelte sowie über den genialen, offenbar stets betrunkenen Bernstein. Von seiner durch Heuschnupfen bedingten "Tannhäuser"-Absage in Bayreuth berichtet Kollo, von seiner Segelleidenschaft, seiner Schlager-Vergangenheit, auch von seiner Amtszeit als Chef des Berliner Metropol-Theaters. Laut Kollo war es das "erfolgreichste Musiktheater im Nachwende-Berlin". Nur "dank" mangelhafter Unterstützung des Senats, so klagt der gescheiterte Impresario, sei es Pleite gegangen.<BR><BR>Nachvollziehbar wirkt Kollos Kampf für die Emanzipation des Sängers, der im "Regietheater"-Betrieb nurmehr Werkzeug bleibe. Und sympathisch geradezu ist sein Einsatz für den Nachwuchs, schlägt der Tenor doch eine Organisation älterer Kollegen vor, die "auf angefangene Karrieren" aufpassen möge: "Der Sänger muss behütet sein, fast wie auf einer psychiatrischen Couch."<BR><BR>Der mit Plattitüden durchsetzte Plauderton legt indes den Verdacht nahe: Kollo hat das Buch tatsächlich selbst geschrieben. Ohne glättenden, den mäandernden Gedankenstrom kanalisierenden Lektor. Atemverschlagend, wie Kollo binnen weniger Zeilen vom Ausverkauf der Klassik über zweigestrichene "Cs" bei Puccini bis zur schwächelnden Position der Deutschen in der Musiklandschaft kommt, wie er Historisches zum Thema Faschismus einflicht ("Die Italiener haben schließlich damit begonnen."), wie er sein beschwingtes Leben als ständigen Wechsel von Singen und Saufen erscheinen lässt.<BR><BR>Selbstzweifel gibt's nur in homöopathischen Portionen - Kollo privat ist wie Kollo, der Bühnenheld: unangefochten und stets im Recht. "Nichts ist für mich langweiliger als Anerkennung", schreibt er. Diese Autobiografie dürfte Kollos Leben ein bisschen spannender gemacht haben.</P><P>René Kollo: "Die Kunst, das Leben und alles andere . . ." <BR>Henschel Verlag, Berlin<BR>240 Seiten<BR>24,90 Euro.<BR></P><P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Die Kunst, das Leben und alles andere . . . </P></P>

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