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Tiefer Griff in die Psycho-Kiste: Szene mit (v.li.) Deborah Polaski als Amme, Elena Pankratova als Färberin und Adrianne Pieczonka als Kaiserin.

Premierenkritik

„Die Frau ohne Schatten“ im Nationaltheater

München - Ein Triumph am historischen Datum: „Die Frau ohne Schatten“ im Münchner Nationaltheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Irgendwann kamen dem Meister aus Garmisch Zweifel. Ob da nicht, wie Richard Strauss argwöhnte, dem verehrten Herrn von Hofmannsthal der Gaul durchgegangen sei? Ein (folgen-)schwerer symbolistischer Anfall des Textdichters, ein Bedeutungs-Overkill, von dem sich, bei aller Liebe, „Die Frau ohne Schatten“ nie ganz erholt hat. Regelmäßig entglitscht das Märchen-Machwerk den Regisseuren. Die einen, wie in den Neunzigerjahren Ennosuke Ichikawa an der Bayerischen Staatsoper, verkleiden es als Kimono-Parade, die anderen, wie Christof Loy in Salzburg, erzählen einfach ein anderes Stück. Und ganz andere, wie jetzt am Münchner Nationaltheater Krzysztof Warlikowski, wagen das Risiko: Sie stellen sich furchtlos dem Themenwust – und gewinnen sogar dabei.

Beides hat also hier geklappt, die Befragung durch den Regisseur und die Analyse des Dirigenten, und dies ist wohl die größte Überraschung dieser Premiere, die so mit historischem Ballast beschwert war. Ein Triumph an denkwürdigem Datum, exakt 50 Jahre nach Wiedereröffnung des Nationaltheaters mit eben jenem Werk. Und ein Jubiläum, für das sich der Freistaat ein neues Staatsorchester geleistet haben muss: Sitzt da wirklich jenes vertraute Graben-Team? Wie hinter trübem Glas wurde in den vergangenen Jahren gespielt. Kirill Petrenko, der neue Generalmusikdirektor, hat nun gehandelt: Das Glas wurde nicht geputzt, sondern gleich ganz entfernt.

Die Besetzung

Dirigent: Kirill Petrenko. Regie: Krzysztof Warlikowski. Ausstattung: Malgorzata Szczesniak. Video: Denis Guégin. Chöre: Sören Eckhoff, Stellario Fagone. Darsteller: Johan Botha (Kaiser), Adrianne Pieczonka (Kaiserin), Deborah Polaski (Amme), Sebastian Holecek (Geisterbote), Wolfgang Koch (Färber), Elena Pankratova (Färberin), Tim Kuypers (Einäugiger), Christian Rieger (Einarmiger), Matthew Peña u.a.

Als akribischer Probierer ist der Mann gefürchtet. Doch das muss in München auf fruchtbarsten Boden gefallen sein. Mit welch wacher Prägnanz und Brillanz die Musiker reagieren, wie sie alles von ihm Gewünschte realisieren, das signalisiert mehr als tiefes Einverständnis: Da ist ein Orchester in heftigster Liebe zum Chef entflammt. Es gibt Momente, etwa in den Szenen der Kaiserin, in denen eine Zärtlichkeit aufglimmt, ein Liebkosen winziger Details, bei denen 2000 Hörer das Atmen, Rascheln und Hüsteln einstellen. Es kommt aber auch zum anderen Extrem, bei der Erscheinung des fast versteinerten Kaisers zum Beispiel, da türmt sich der Tsunami. Doch, und das ist das Entscheidende, nie als Lärm, sondern als selbstbewusstes orchestrales Muskelspiel.

Man erfährt durch Petrenko, dass hier ein Werk förmlich zerrissen wird nicht nur durch seine Symbolistik, sondern durch seine Zwitterexistenz zwischen dem Nachdämmern musikalischer Romantik und einer Moderne, die den Klang bis in die Skelettierung treibt. Gefällige Momente werden nie nur „schön“ ausgespielt. Durchpulste, geschichtete Ereignisse sind zu hören, alle Zutaten aus Strauss’ Klanglabor sind präsent. Trotz dieser Orchester-Offensive: Petrenko entfesselt in seiner „Frau ohne Schatten“ nichts, es bleibt eine sehr kontrollierte Deutung – und eine uneindeutige. Strauss mit allem eben.

Die Handlung

Seit ihrer Heirat kann die Kaiserin sich nicht mehr in ein Tier verwandeln, aber sie gehört auch nicht zu den Menschen, denn sie wirft keinen Schatten. Sollte ihr das nicht gelingen, wird der Kaiser zu Stein. Mit Hilfe der Amme will die Kaiserin den Schatten der Färberin gewinnen. Sie soll diesen und die ungeborenen Kinder gegen Reichtum abgeben. Die Konflikte der beiden Paare lösen sich: Die Kaiserin empfindet Mitleid mit den Menschen und verzichtet auf den Schatten. Der Bann des Kaisers ist gelöst.

Da trifft er sich mit Regisseur Krzysztof Warlikowski. Auch der bietet, das ist ja mittlerweile so Sitte am Haus, aufwändiges Bebilderungstheater, nicht unbedingt stringente Erzählmuster. Doch bei diesem auskrakenden Opus verfängt der Ansatz endlich einmal. Die Bühne von Malgorzata Szczesniak ist furnierter Edel-Salon in der Kaiserwelt, gleichzeitig Waschsalon bei Baraks. Immer wieder öffnen sich die Wände zu monumentalen, surrealen Räumen. Verrätselte Orte der Wünsche und Obsessionen sind das. Schulklasse, Wartezimmer zur Paartherapie, Projektionen mit Wasserwänden und Friedhofswald, Operationsraum für Menschenversuche – Warlikowski übersetzt das Stück in traumatische, Musik und Text abgehörte Bilder.

Die Färberin begegnet einem muskulösen Stricher, die Kaiserin ihrem Vater, einem greisen Männlein. Kinder sind ständig präsent. Als erwünschter Familienzuwachs, aber auch als bedrohliche Verdoppelung der Hauptfiguren, stark gespielt von den jugendlichen Darstellern.

Einen beherzten Griff in die Psychokiste hat sich Warlikowski geleistet. Das steht dem Stück gut. Allerdings lässt er in seiner Konzentration auf die Statisterie die Solisten auch allein und treibt sie dann zum Frontalgesang an die Rampe. Fürs letzte Bild hat der Pole nur Ironie übrig: Beide Paare feiern die Vereinigung als Spießer-Quartett mit Schampus. Das fängt das Problem dieser wie angeklebten Finalszene intelligent ab – Strauss und Hofmannsthal höchstselbst hatten schließlich ihre liebe Not mit diesen Minuten.

Bis auf eine Rolle kann man das Stück nicht besser besetzen. Deborah Polaski lässt als Amme viel mitschwingen, halb gealterter Octavian aus dem „Rosenkavalier“ ist sie, halb lesbische Geschwitz aus „Lulu“. Ein spannender Frauen-Typ, doch leider singt sie textundeutlich und mit zerfranstem Sopran. Elena Pankratova löst darstellerisch als Färberin nicht ganz ein, was sie vokal verspricht, dafür hätte sie einen fordernden Regisseur gebraucht: eine Hochdramatische mit energiereicher, nie harter Tonbildung, fulminant (und mit Reserven) in den Ausbrüchen, klug kontrolliert im Lyrischen.

Als Kaiserin wächst Adrianne Pieczonka über sich hinaus. Sie, die sich in tieferen Sopranpartien gern auf ihre füllige Mittellage verlässt, hat sich hier eine neue Region erobert. Gehaltvoller Gesang, reflektiertes, zuweilen wie entäußertes Gestalten – was für eine ideale Rollenverkörperung. Genauso bei Wolfgang Koch. Dessen Barak erregt nicht nur Mitleid: ein tumber Angstbeißer, dessen Gesang voller Fahlfarben ist – und am Ende in kraftvolle Siegesgewissheit mündet.

Wo andere Tenöre tricksen, fängt Johan Botha als Kaiser erst an. Die Mühelosigkeit, auch die Lust, wie er die Extrempartie singt, das verblüfft einfach. Und: Der Mann ist trotz Körperfülle nicht nur zur Singsäule verdammt, sondern taugt auch als Darsteller. Purer Luxus in den anderen Partien über Sebastian Holecek (Geisterbote) bis zu Eri Nakamura (Falke). Und ungewohnte Einigkeit am Schluss: Kein Buh fürs Regie-Team, als Petrenko die Bühne betrat, erhob sich ein Jubelsturm. Unschwer zu erraten, mit welchem Namen die Bayerische Staatsoper ab sofort verknüpft ist.

Weitere Aufführungen:

24., 28.11. sowie 1., 4., 7.12. (alle ausverkauft), Karten eventuell noch unter Telefon 089/ 2185-1920.

MARKUS THIEL

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