Der Triumph des Jonas

- Von heute an ist im Bayerischen Nationalmuseum "ein Mittelalter mit Meisterwerken zu besichtigen, wie es das sonst nirgendwoanders möglich ist". So Direktorin Renate Eikelmann anlässlich der Ausstellung "The Cleveland Museum of Art - Meisterwerke von 300 bis 1550".

Gott befahl Jonas, sich nach Ninive zu begeben und gegen die Sündhaftigkeit der Stadt zu predigen. Als er sich seinem Auftrag zu entziehen versuchte, wurde er von einem Schiff aus ins Meer geworfen und von einem Wal verschlungen. Soweit die berühmte Geschichte des Propheten.

In weißem Marmor gehauen ist dieser Vorgang höchst plastisch zu bewundern. Der Wal - hier eine Art Hund-Fisch - hat Jonas schon so gut wie verschlungen, nur noch die Unterschenkel schauen aus dem gierigen Maul heraus. Die zweite Skulptur erzählt die Fortsetzung der Story: Jonas wird unter sichtbar körperlicher Krümmung des Tieres wieder ausgespieen. Brust, Kopf und Arme haben geburtsähnlich das Maul schon passiert. Ein Triumph.

Die Skulpturen stammen aus dem dritten Jahrhundert, aus Kleinasien. Sie sind - thematisch wie natürlich auch künstlerisch - einzigartig. Denn die Jonas-Erzählung gilt in dieser frühchristlichen Zeit als Sinnbild von Tod und Auferstehung Christi.

Sie sind nur eines der Prunkstücke einer hochbedeutsamen Sammlung mittelalterlicher Kunstschätze, die das Cleveland Museum of Art für vier Monate nach München ausgeliehen hat, insgesamt 120 Objekte. Denn das 1916 eröffnete Museum ist zurzeit wegen Umbaus geschlossen. Glück für München. Der Besucher begibt sich auf eine einmalige Reise durch die Kulturen und Jahrhunderte. Sie beginnt beim frühen Christentum und Byzanz, führt über Ägypten, Italien, Paris und Burgund ins Spätmittelalter Deutschlands. Im Zentrum dieser Preziosen: Teile des Welfenschatzes, zu dem kostbarste, von Heinrich dem Löwen erworbene Reliquien gehören.

Die Schau im Bayerischen Nationalmuseum lädt immer wieder zum Staunen ein. Meisterwerke sind die frühen, mit christlichen Themen versehenen Textilien aus Ägypten (6. / 7. Jahrhundert). Wunderbar und tiefe Menschlichkeit ausstrahlend: die thronende Maria mit dem schreibenden Christuskind auf dem Schoß (14. Jahrhundert, Burgund).

Besonderen Stellenwert genießt in dieser Ausstellung eines der wenigen Gemälde: "Brautpaar", um 1470 am Oberrhein entstanden. Das Paar ist hochelegant und farbgleich gekleidet. Die blaue Blume gilt als Symbol der Liebe, das reiche Blattwerk spielt auf Fruchtbarkeit der Ehe an. Auf die Rückseite der Bildtafel hat der Künstler das selbe Paar im Zustand von Alter und Verwesung gemalt: als Erinnerung an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Diese in ihrer Drastik wahrhaft revolutionäre Darstellung ist aber lediglich im sehr gut gemachten Katalog (Hirmer, 38 Euro) zu betrachten.

Bis 16. September,

Di.-So. 10 bis 17 Uhr, Do. bis 20 Uhr. Tel. 089/ 21 12 42 16.

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