Der Triumph der Kasarova

- Über einem Zypressenhain rieselt der Schnee. Davor, in der Bühnenmitte, sitzt Orpheus - versteinert in seiner Trauer über den Tod der geliebten Eurydike. Der mythische Sänger und Lyra-Spieler trägt den Frack der Berufsmusiker, und seine Kollegen nähern sich langsam. Ein Pulk von Befrackten, die ihre Instrumente bei sich tragen und das Los des Freundes moderato beklagen.

<P><BR> </P><P>So viel versprechend beginnt die Neuinszenierung von Christoph Willibald Glucks Reform-Oper "Orpheus und Eurydike" an der Bayerischen Staatsoper. In der vom Gluck-Verehrer Hector Berlioz 1859 verfertigten Fassung "Orphée" wurde sie am Montagabend, dirigiert von Ivor Bolton und inszeniert von Nigel Lowery und Amir Hosseinpour, im Münchner Nationaltheater heftig beklatscht und nur Richtung Regie diskret angebuht.<BR><BR>Das ist vermutlich das Verdienst von Vesselina Kasarova. Nach (fast) durchschwiegener Generalprobe und immer noch von einem Infekt geplagt, gab sie dem Orpheus dennoch, was ihm gebührt: edle Gestalt und Zaubergesang. Sie, für die Intendant Peter Jonas wohl gerade diese, heute selten gespielte Orpheus-Fassung aufs Programm gesetzt hat, schonte sich nicht. Vor allem nicht in der Bravourarie am Ende des ersten Aktes, die eigentlich aus dem ganzen Stück heraus- und in die vom "Romantiker" Gluck überwundene Opera-Seria-Virtuosität zurückfällt.<BR><BR>Berlioz' Orphée bewegt sich in der Mezzoregion ähnlich wie Glucks italienischer Ur-Orfeo für einen Altkastraten aus dem Jahre 1762, dem der Komponist aber für seine Pariser Fassung ("Orphée et Eurydice") 1774 einen hohen Tenor folgen ließ.<BR><BR>Als zirzensisches Feuerwerk brannte die Kasarova dieses "Amour, viens rendre à mon |3ame" ab: Lustvoll hob sie zu den gewaltigen Sprüngen ab und perlte schimmernd die Koloraturen hin. Darin motiviert sich ein vor Liebe flammender Orpheus für den Abstieg in die Unterwelt - der (anders als bei Monteverdi) siegreich ausgehen muss. Doch auch im zarten, liedhaften (Klage-)Gesang, den Gluck aus so viel echtem, innigem Gefühl speist (in der wundervollen Romance mit dem Oboen-Echo oder im allbekannten "J'ai perdu mon Eurydice"), verband die Kasarova Schlichtheit und natürliche Eleganz.<BR><BR>Der Chor als Partner<BR> <BR>Vielleicht hielt sie sich in den rezitativen Übergängen ein wenig zurück, wirkte dort stellenweise weniger frei und gedeckter, als wenn sie ganz gesund und fit gewesen wäre. Doch ihre gespannte Konzentration, ihr Charme und ihre geschmeidige Gewandheit im Spiel beflügelten ihren privaten Triumph.<BR><BR>Mit kleinen Partien und ebensolchen, silberhell intonierten Arien ergänzten Rosemary Joshua als mädchenhafte Eurydike und Deborah York als reizender Pierrot-Amor das Solistenterzett.<BR><BR>Zum großen, wichtigen Partner hat Gluck den Chor gemacht, der, von Eduard Asimont vorzüglich studiert, als imponierendes Kollektiv auftrat. Beeindruckend, wie bei aller Homogenität die Stimmen sich doch plastisch abhoben, der ganze Satz durchhörbar erschien. Dieses hochrangige Gesangsensemble und das Bayerische Staatsorchester - in der von Berlioz im Bläsersatz stark modifizierten Besetzung - wurden von Ivor Bolton temperamentvoll animiert zu ausdrucksstarkem, weichem und doch akzentuiertem Musizieren.<BR><BR>Senioren vorm TV<BR> <BR>Über dem konnte der Zuschauer zuweilen wenigstens die Szene vergessen, die nach hoffnungsfrohem Beginn zunehmend abstürzte und sich in dramaturgischen Fallen verfing. Schon im zweiten, dem Unterwelts-Akt mit der unsäglichen Höllenküche, die an schlechtes Kindertheater erinnert. Da hocken Orpheus' tote Musikerkollegen in riesigen Töpfen und Tiegeln, werden gebraten und gesotten und von wild gewordenen Köchen mit blutverschmierten Schürzen tranchiert. </P><P>Dabei ist die Szenerie - und bleibt es bis zuletzt - optisch geteilt durch eine Bühne auf der Bühne. Die signalisiert jedoch weder Bruch noch Überhöhung, sondern bleibt sinnlose Dekoration. Als Elysium reichlich naiv mit rosa Sarkophag, Tannenbäumchen und niedlichen Plüschtieren bestückt. Wie Weihnachten, so muss es bei den Seligen zugehen, die sich (allerdings vor dieser Bühne) zu philharmonisch- eurythmischen Tun versammeln, Geigen und Flöten schwenken und offensichtlich nicht wissen, wie man Cello und Kontrabass streicht - nämlich nicht mit links.<BR><BR>Peinlich, lächerlich. Dass die blutrünstigen Menschenköche gemeinsam mit ihren Opfern den Chor der Furien singen und Orpheus ihr dämonisches "Non!" entgegenschleudern, widerspricht jeglicher Logik. Auch den Schicksalsmoment, wenn Orpheus, das Götterverbot missachtend, seine Eurydike anschaut und sie tot zu Boden sinkt, verunstalten Lowery und Hosseinpour mit einem symbolhaft zwischen das Paar fallenden schwarzen Vorhang. Er zerreißt die Stimmung. Wenn zuletzt nach göttlicher Rettung und Jubelchor Orpheus und Eurydike als Seniorenpaar vor einem Riesen-Fernseher sitzen und sich ihr Leben als Pantomime mit antikem, tödlichem Ausgang anschauen müssen, säuft das Stück endgültig ab.<BR><BR>Während sich (offenbar "ungestört" von der Haus-Dramaturgie) der Regie führende Bühnen- und Kostümbildner Lowery bereits in bunten, zum Teil auch hübschen (Eurydikes Blumenzimmer) Bildern austobte, hielt sich Choreograph Hosseinpour ziemlich zurück. Er legte erst im balletösen Wurmfortsatz, übrigens zu Originalmusik der beiden Gluck-Fassungen, richtig los. Beate Vollack und ihre Kollegen mussten seine seit "Giulio Cesare" bekannte, mittlerweile abgenützte Grotesk-Choreographie abspulen. Sie tat(en) es virtuos.</P><P>Die Besetzung <BR>Dirigent: Ivor Bolton. Regie: Nigel Lowery und Amir Hosseinpor. Ausstattung: Nigel Lowery. Darsteller: Vesselina Kasarova (Orphée), Rosemary Joshua (Eurydice), Deborah York (L'Amour); Beate Vollack (Tänzer Orphée).</P><P>Die Handlung <BR>Orpheus beklagt den Tod seiner Eurydike und rührt mit seinem Gesang die Götter so, dass Amor ihm erlaubt, in die Unterwelt hinab zu steigen, um Eurydike wieder herauf zu holen. Einzige Bedingung: Er darf sich nicht nach ihr umschauen. Orpheus besiegt mit seiner Musik die Furien, findet Eurydike und will sie zurückbringen. Sie missdeutet seine Zurückhaltung und verzweifelt. Er blickt sie an, sie stirbt. Orpheus Klage erweicht die Götter erneut - Eurydike darf leben.<BR></P>

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