Triviales Lehr- und Kasperltheater

- "Wissen Sie, auch Naturwissenschaftler wie ich gehen ab und zu mal ins Theater. Aber das ist alles so verwirrend da. Die vielen Figuren. Die Psychologie. Die Bedeutung. Ich als Biologe bin das nicht gewohnt. Nehmen Sie zum Beispiel einen Fisch, sagen wir eine Seeratte, Chimaera monstrosa.

<P>Das ist ein Knorpelfisch, ein sehr komplexes organisches System, zweifelsohne. Ich muss die Seeratte und ihre natürliche Umgebung lange studieren, um zu verstehen, wie das alles zusammenhängt. Aber ich muss mich nicht fragen, ,Was denkt die Seeratte? Es wäre Menschen wie mir sehr geholfen, wenn es auch am Theater ein bisschen systematischer zugehen würde."</P><P>Ein Zitat, das sich im Programmheft zur zweiten Schauspielpremiere der diesjährigen Salzburger Festspiele findet: "Die Frau vom Meer", eine Arbeit aus der Reihe "Young Directors Project". Ein Stück leider nicht von Henrik Ibsen, sondern eines "nach Ibsen" von Susan Sontag. Die US-Autorin wird in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet; ihre flache, undramatische, sich hauptsächlich in Confé´rencen mit dem Publikum ergehende Paraphrase auf Sagen von Meerjungfrauen, auf Evolution und Emanzipation hat bestimmt keiner der Juroren gekannt. </P><P>Es wäre kein Schaden, hätten auch die Salzburger Festspiele, das kooperierende Deutsche Theater in Berlin und die Regisseurin Monika Gintersdorfer das Stück weiterhin unbeachtet gelassen. Haben sie aber nicht. Im Salzburger Stadtkino kam es zur freundlich beklatschten Aufführung. Eine Arbeit, die auch jenem oben zitierten Biologen gefallen hätte. Was denken, fühlen, bedeuten die Figuren, welche Geheimnisse und Sorgen, Ängste und Widersprüche tragen sie in sich, das muss sich hier nämlich niemand fragen. Monika Gintersdorfer macht aus dem ohnehin schon platten Text ein triviales Zeige-, Lehr- und Kasperltheater.</P><P>Schaut her, so spielt Hans Kremer, wie der spießige Macho-Inselarzt Hartwig Wangel, geschlagen mit zwei unausstehlichen, halbwüchsigen Töchtern aus erster Ehe, verkrüppelt und verkrümmt leidet, liebt und schließlich siegt über seine Fischfrau Ellida. Wie er mit Stethoskop und Fischmesser bewaffnet den Bühnenboden abhorcht und aufschlitzt, aus dem die untergetauchte Ellida mit Riesenfischschwanz sich an die Oberfläche quält. Seht zu, wie Annika Mauer - und sie macht das mit kessem, unsentimentalem Berliner Witz aufreizend gut - sich als Menschenfrau sehnt nach Glück und Familie, als Geschöpf des Meeres aber nach jenem Liebhaber, der da kommen möge, sie in die weite See zurückzuholen.</P><P>Hier werfen sich zwei gute Schauspieler in die Bresche. Aber wenn Kremer als Wangel greint, "Was kann man da tun?", möchte man ihm und Annika Mauer zurufen: Ibsen spielen! Sie könnten es, und es würde spannend werden. Alle anderen aber sind mit ihren schauspielerisch bescheidenen Möglichkeiten in dieser Sparversion von Drama wohl besser aufgehoben. Und Regisseurin Gintersdorfer, die das Ganze zwischen edelstahliger Küchenzeile und großer Welle (Bühne Christin Vahl) ansiedelt, konnte _ nach "Das goldene Kind" und "Bedbound" an den Münchner Kammerspielen - einmal mehr ihr Talent für Äußerlichkeiten unter Beweis stellen; ihre Begabung für Slapstick, Zeichen und Symbole. Dem Biologen mag die einseitige, schematische Zuordnung der Stückfiguren ausreichen. Den Theaterzuschauer langweilt das auf Dauer nur. </P><P><BR> </P>

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