Trommelfeuer der Fakten

- Verbannt, verachtet, vergessen - das ist das Schicksal des dokumentarischen Theaters. In den 60er-Jahren hatte es mit den Stücken von Rolf Hochhuth ("Der Stellvertreter"), Peter Weiss ("Viet Nam Diskurs"), Hans Magnus Enzensberger ("Verhör von Habana") und Heinar Kipphardt ("In der Sache J. Robert Oppenheimer") seinen Höhepunkt erfahren. Dann trat eine neue Generation an, wandte sich ab von dem politischen Theater, zog sich auf sich selbst zurück und gefiel sich schließlich in der als heldenhaft gewürdigten Rolle apolitischer Stückezertrümmerer.

Doch auf einmal ist es wieder da, plötzlich hat das dokumentarische Theater via Italien die deutschen Bühnen erreicht. "Genua 01" von Fausto Paravidino (29) thematisiert die skandalösen Vorkommnisse beim G 8-Gipfel 2001 in der italienischen Hafenstadt. Folterungen und Verhaftungen en masse. Ein junger Mann kam durch die Polizei zu Tode: Er wurde erschossen, erschlagen, vom Auto überrollt. Unaufgeklärt und ungesühnt ist der Fall bis heute. Im Berlusconi-Land hat die Wahrheit keinen Platz.´

Also erfragt sie in seinem Theaterstück jetzt Paradivino, der Genueser Autor. Sechs junge Leute wollen wissen, was an diesen drei Tagen auf den Straßen von Genua wirklich geschah. Wie es dazu kam, dass Marco Placanica, Dienstanwärter bei den Carabinieri, im Alter von 20 Jahren zum Mörder wurde. Was dazu führte, dass der 23-jährige Carlo Giuliani, der eigentlich zum Baden ans Meer wollte, auf der Piazza Alimonda zu Tode getroffen stirbt.

Zu diesem Zwecke rekapitulieren und analysieren sie die Nachrichten von damals, die Zeitungsberichte, die Zeugenaussagen, die Statements der Polizei. Und so ziehen sie den Zuschauer noch einmal hinein in die Geschehnisse, die vielleicht längst aus seinem Bewusstsein verschwunden oder so detailliert nie darin vorhanden waren.

Paravidinos Text wurde in London uraufgeführt, das Bayerische Staatsschauspiel brachte ihn jetzt als deutsche Erstaufführung heraus. Kein großes Stück, aber eine Aufführung, die Aufmerksamkeit erzwingt: in ihrer radikalen, politischen, agitatorischen Fragestellung. Das können so nur junge Darsteller leisten - ehrlich und engagiert. Regisseur Alexander May hat sechs Schauspieler (Esther Kuhn, Birthe Wolter, Benjamin Mergarten, Peter Nitzsche, Anas Ouriaghli, Norman Sonnleitner) von der Bayerischen Theaterakademie um sich versammelt. Die hohe Mauer aus gestapelten Zeitungspaketen (Bühne: Mark Späth) ist nicht nur ein großer optischer Effekt, sondern zuerst Symbol für die Undurchdringlichkeit der Nachrichtenlage. Auf dem Fußboden, wie eine Blutlache hingeworfen, der italienische Stiefel. Einer der wenigen, aber gezielt gesetzten theatralischen Farbtupfer in einer bewusst spartanischen Versuchsanordnung.

Im Trommelfeuer der Fakten: eine Stunde, die nicht verloren ist.

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