Trommelfeuer der Gebote

- Das Porträt "Adele Bloch-Bauer II" von Gustav Klimt, das Österreich nach jahrelangem Streit an die Erben der von den Nazis enteigneten früheren Besitzer zurückgegeben hatte, ist für umgerechnet mehr als 61 Millionen Euro versteigert worden. Bei der Herbstauktion von Christie's in New York erhielt ein anonymer Bieter telefonisch den Zuschlag für das Bild. Das Pendant "Adele Bloch-Bauer I" war im Juni für 107 Millionen Euro an den Kosmetikerben Ronald Lauder verkauft worden.

Mit insgesamt fast einer halben Milliarde Dollar Umsatz konnte das Kunsthaus Christie‘s bei der Versteigerung von impressionistischer und moderner Kunst die teuerste Auktion aller Zeiten feiern. Innerhalb von gut zwei Stunden wechselten in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag Gemälde für 491 Millionen Dollar (rund 389 Millionen Euro) den Besitzer.

Das große Geld brachten vor allem Kunstwerke, die erst vor kurzem an die Nachfahren der Nazi-Opfer zurückerstattet worden waren: Vier Klimt-Gemälde, die Österreich Anfang des Jahres an die Erben zurückgeben musste, trugen zusammen 192 Millionen Dollar ein.

Und ein Meisterwerk des deutschen Expressionismus, Ernst Ludwig Kirchners "Berliner Straßenszene" (1913), kam nach dem erbitterten Rückgabe-Streit in Deutschland für 38 Millionen Dollar unter den Hammer. Ein Münchner Anwalt hatte im Auftrag eines Kunstsammlers noch bis zuletzt mit Hilfe einer Strafanzeige vergeblich versucht, eine Beschlagnahme des Gemäldes vor der Auktion zu erreichen.

Nur ein wertvolles Picasso-Bild, das in der Nazizeit dem jüdischen Bankier Paul von Mendelssohn-Bartholdy gehört hatte, wurde unter dem Eindruck einer drohenden Klage in letzter Sekunde von der Auktion zurückgezogen. Angesichts der unsicheren Rechtslage dürften die Verkäufer wohl um ihren auf bis zu 60 Millionen Dollar geschätzten Kaufpreis gefürchtet habe: Christie‘s und der derzeitige Eigentümer, der britische Musicalkomponist Andrew Lloyd Webber, verzichteten kurzfristig auf die Versteigerung.

Wie heikel die Gratwanderung zwischen der moralischen Verpflichtung gegenüber den Opfern und den knallharten Regeln des Kunstmarktes ist, machte der Abend eindrucksvoll deutlich. Als Kirchners "Straßenszene" aufgerufen wurde, konnten die elektronischen Preistafeln dem Trommelfeuer der Gebote kaum folgen. Nach einem Einstiegspreis von zwölf Millionen Dollar rasten die Ziffern bergauf, bis nach kaum fünf Minuten die Kunsthändlerin Daniella Luxembourg für 38 Millionen Dollar den Zuschlag erhielt. Luxembourg kaufte das Bild im Auftrag der Neuen Galerie für deutsche und österreichische Kunst in Manhattan.

Nach einem weiteren Rechtsstreit wird Österreich jetzt auch das Gemälde "Sommernacht am Strand" von Edvard Munch an die Enkelin von Gustav Mahler, Marina Mahler, zurückgeben. Ein im Jahr 2001 ins Leben gerufener Restitutionsausschuss hatte zuvor die Rückgabe des Kunstwerks an die Besitzer beschlossen. Österreich verliert damit nach den fünf Meisterwerken von Gustav Klimt einen weiteren Kunstschatz seiner Staatsgalerie Belvedere. Die Alleinerbin Marina Mahler begrüßte die Rückgabe des Gemäldes. Sie sei ein "wichtiger Schritt zur Wiederherstellung der speziellen Verbindung zwischen meiner Familie und Österreich". Mahler kündigte an, sie wolle das Gemälde zunächst behalten, um es jeden Tag betrachten zu können.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Fette Fanta-Party
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Fette Fanta-Party
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare