Am Tropf der Kommunen

- Es war eine Provokation. Am 25. Juli erschien an dieser Stelle ein Kommentar, der eine Aufzählung kultureller Highlights und experimenteller Extras dieser Stadt enthielt, die dem radikalen Diktat des Rotstiftes zum Opfer fallen könnten. Denn der führt, seit die Haushaltssperre wie ein Fluch über München hängt, derzeit das Regiment. Genannt wurden in diesem Text natürlich Projekte, deren notwendige Existenz auch in dieser Zeitung stets mit Eifer verteidigt wurde. Jetzt aber sollte die Diskussion, ob, wo, wann, was und warum etwas einzusparen ist, öffentlich geführt werden.

<P><BR>Man unterschätze doch bitte nicht den Gestaltungsspielraum, der sich gerade auch bei Konsolidierungs- und Einsparhaushalten ergibt: Mit dem Verweis auf eingebrochene Finanzen werden oftmals Entscheidungen gefällt, deren Konsequenzen beileibe wirkmächtiger sind, als es die Nüchternheit prozentualer Anteile und die tatsächlichen Einsparergebnisse vermuten lassen.<BR>In Zeiten knapper Kassen werden besonders gern - immer und überall - zuerst jene geschoren, die sich den Einflussnahmen verschiedenster Art doch am lautesten zu entziehen trachteten. Also die Unbequemen, Ungebundenen, Uninstitutionalisierten, die Zeitgenössischen aller Sparten. Gerade sie hängen ziemlich alternativlos am Tropf der Kommunen. </P><P>Ganze Sparten sind in erschreckender Exklusivität abhängig von den städtischen Haushaltsbeschlüssen. Paradoxerweise sind nun die Bereiche, bei denen die Aufwendungen vergleichsweise gering sind, aber die allerverwundbarsten. . .</P><P>Die große Industrie zahlt keine Steuern mehr; stattdessen leistet sie sich eigene Kulturbeauftragte, die das Image verbessern sollen und somit folgerichtig meistens den PR-Abteilungen untergeordnet sind. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein Depp aber, wer nicht wahrhaben will, dass Kultur, der Begriff von Kultur im Zentrum einer gigantischen Umverteilung und eines restaurativen Roll-backs stehen, das schnurstracks und siegessicher die letzten emanzipatorischen Ansätze hinwegfegt, um alles und jeden einem optimierten Verwertungskreislauf unterzuordnen . . .<BR><BR>Wer Gelder für Kunst und Kultur nur noch mit standortstrategischen, kulturwirtschaftlichen, soziokulturellen oder prestigegewinnenden Argumenten akquirieren zu können glaubte, braucht sich jetzt nicht zu wundern, dass der Kulturbereich in einer Art und Weise mit dem Rücken zur Wand steht, die beschämend sind. <BR><BR>Um jeden Preis wollte man integriert werden, und bezahlt wurde mit der Preisgabe des künstlerischen Standpunktes. Verzeihlicher Pragmatismus und ein unverzeihlicher Kniefall vor dem Primat der Wirtschaft, Steuergesetzgebung und Rechtssprechung taten ein Übriges: Jedes neoliberale Gewäsch taugte zu Rechtfertigung und Motivation, und die Künstler bemühten sich um das Selbstverständnis von Dienstleistern.<BR><BR>Den Betriebswirtschaftlern muss aber klar sein: Es mag sich ein gewisser Mehrwert von Kunst in ihren Zahlentabellen darstellen lassen; niemals geht die Kunst aber darin auf. Die Kunst folgt anderen Gesetzen, ist keine wirtschaftliche Aktivität wie jede andere auch. Kein Mensch der Welt lässt sich aus wirtschaftlichen Erwägungen auf Kunst ein - es sei denn, er ist ein Idiot. . .<BR><BR>Städtische Gelder für Kunst haben ja auch nur dann eine Rechtfertigung, wenn sie einen nichtkommerziellen Ansatz ermöglichen. Zumindest galt das viele Jahre. Soll das weiter gelten? Es scheint, dass man an Standpunkten, die nicht affirmativ sind, generell kein großes Interesse mehr hat. Man spricht zwar nicht drüber, aber man trocknet sie aus. . <BR><BR>In seiner Anfrage an die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien zur Wahl 2002 hat der Deutsche Kulturrat mehrere Formulierungen getroffen, die große Sorgen um die Eigengesetzlichkeit der Kunst ausdrücken: Fragen nach den Kompetenzen des Staatsministers für Kultur, der Europagesetzgebung, der Selbstverwaltung der Kulturförderfonds, der föderalen Strukturen etc. </P><P>Überall gibt es offenbar Tendenzen, die Anlass geben, Einflussnahmen, Gängelungen, Beaufsichtigungen und Machtkonzentrationen zu befürchten. Man wird also genau hinsehen müssen, ob die anstehenden Sparbeschlüsse und Konsolidierungsjahre von einem emanzipatorischen oder restaurativen Geist beflügelt sind.<BR> </P>

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