Der Trost des Komischen

- Das Warten hat ein Ende. Mehr als zwei Jahre nach Abschluss der Dreharbeiten in der römischen Cinecittá´ kommt morgen nun tatsächlich "Germanikus" in die Kinos, das neue Epos von und mit Gerhard Polt. Der richtet als Titelheld (mit Namen auch Hermann der Cherusker), unterstützt von Gisela Schneeberger als neureicher Zicke Tusnelda, flugs das römische Weltreich zugrunde - mit einem urbayerischen Gespür für Anarchie in sämtlichen Lebenslagen.

<P>Warum haben Sie sich ausgerechnet das Genre des Sandalenfilms für "Germanikus" ausgesucht?<BR><BR>Polt: Ja, warum das alte Rom? Es gab mir, oder besser gesagt Hans Weth, Hanns Christian Müller und mir, die Möglichkeit, über Dinge sprechen zu können, die wir sonst so nicht erzählen könnten. Ich weiche also aus in eine nicht verifizierbare Welt. Es ist ja auch kein historischer Film, in dem auf Genauigkeit Wert gelegt wurde. Wir haben eine Kulisse geschaffen, die es erlaubt, die Menschen drastischer und extremer handeln zu lassen, als wenn sie sich in einem realistischen Umfeld bewegen würden.<BR><BR>Die Realität wäre demnach zu heftig?<BR><BR>Polt: Würde man heute in einem Film zum Beispiel eine Entmietung zeigen, in der ein Immobilienhai mit seinen Bluthunden ankommt und eine Familie dazu treibt, aus dem Fenster zu springen? Das wäre so erschreckend, dass ich mich abwenden würde. Ich möchte nicht zeigen, wie jemand einen anderen überfährt, den Menschen liegen lässt und sich nur Sorgen um die Kratzer im Autolack macht. Das ist so drastisch, dass es nur abschreckt. In der historischen Variation ist es eher erträglich, und letztlich will ich ja zeigen, wie man mit einer gewissen Komik über die Runden kommt.<BR><BR>Die antiken Lebensbedingungen waren nicht gerade sanft . . .<BR><BR>Polt: Nein, wirklich nicht. Ich habe mich lange mit der Lebensweise im alten Rom beschäftigt und mit allem, was mit der Institution der Arena zusammenhing. Würde man heute zeigen wollen, wie es wirklich war - es wäre unerträglich. Die Brutalität Roms war unbeschreiblich. Über viele Jahrhunderte. In Rom gab es 800 Jahre lang ein unfassbares Abschlachten in 90 Stadien. Die Leute johlten und trampelten auf den Tribünen, während unten Menschen zerrissen und zerstückelt wurden. Millionen Menschen schrien vor Begeisterung! Über Jahrhunderte hinweg! Gier, Neid, Missgunst - es ist immer noch dasselbe, was den Menschen umtreibt. Das kann man so sagen. Aber es gibt auf Lateinisch einen schönen Spruch: Spo contra spem - ich hoffe wider alle Hoffnung. Oder wie es bei den Bremer Stadtmusikanten heißt: Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Das ist der einzige Trost.<BR><BR>Sie erwarten vom Zuschauer eine hohe Transferleistung. Glauben Sie, Ihre Botschaft kommt tatsächlich an?<BR><BR>Polt: Dieses Risiko gehe ich ein, das bin ich immer eingegangen. Ich habe immer Dinge mit einer gewissen Ambivalenz gemacht. Es wird auch diesmal Leute geben, die das eine mehr sehen oder das andere, die Gesellschaftskritik oder die Klamotte. Mich haben oft Leute angesprochen, die meinten: Das "Nikolausi" gefiele ihnen so gut, warum ich denn plötzlich auch so politische Sachen machen müsse. Und dann gab es eben wieder die anderen, die sagten: Sie haben das doch gar nicht nötig, so einen Blödsinn wie "Nikolausi" zu machen. Machen's doch lieber Politik! Selbst wenn ich wollte - ich kann's ja gar nicht allen Recht machen. Ich bin ein Erzähler, und so stelle ich mich eben hin und erzähle eine Geschichte, die mich bewegt.<BR><BR>In dem Fall darüber, dass die Menschen sich nicht verändern?<BR><BR>Polt: Genau. Es verändern sich gewisse Situationen und Rahmenbedingungen, mehr nicht. Die Schrecken eines Krieges, die bleiben zum Beispiel. Das hat Goya schon gemalt, und daran hat sich nichts geändert. Nur möchte ich eben nicht die Schrecken des Krieges wie Goya zeigen. Ich bin Humorist. Also muss ich versuchen, drüber hinaus zu kommen. Ich sehe mir die Dinge an und frage mich, wo gibt es hier für mich einen Trost des Komischen? Das Resultat einiger meiner Gedanken ist dieser Film. Ob der nun eine enorme Massenwirksamkeit hat, kann ich nicht beurteilen. Ich erzähle nur davon, was mich selber interessiert.<BR><BR>Wie lange haben Sie an diesem Filmprojekt gearbeitet?<BR><BR>Polt: An dem Drehbuch sehr lange. Aus verschiedensten Gründen. Dramaturgisch wie auch inhaltlich. Wichtig ist immer nur die Frage: Was will ich unterbringen - und was kann ich dann tatsächlich ins Drehbuch hinein nehmen? Wie trifft man die Entscheidung, welche Szene schließlich bleibt und welche wieder rausfliegt? Im Laufe der Zeit wachsen einem alle Szenen sehr ans Herz, und sich dann wieder von der einen oder anderen trennen zu müssen, das fällt sehr schwer, wirklich.<BR><BR>Was ist der tiefere Sinn der Rahmenhandlung?<BR><BR>Polt: Dieser Rahmen ist erst spät entstanden. Einer der Gründe war wohl eine Unzufriedenheit der Produzenten mit dem Schluss des Films. Und auch die erste Idee für den Anfang war nicht sehr gut angekommen. Der Zuschauer muss schneller ans Thema Rom herangeführt werden, hieß es. Ansonsten würde das Publikum auch nicht erfahren, warum das Römische Reich untergegangen ist.<BR><BR>Da haben Sie eine interessante These gefunden . . .<BR><BR>Polt: Ich habe zahllose Bücher verschlungen zum Thema Rom. Aber in allen gab es derart viele unterschiedliche Theorien über den Untergang von Rom, dass ich selber überrascht war. So ganz genau weiß man es bis heute wohl nicht. (Lacht) Es ist halt untergegangen!<BR><BR>Der Film lebt von dem genialen Team Gisela Schneeberger - Gerhard Polt. Haben Sie eine Erklärung für diese schon so lange exzellent funktionierende Zusammenarbeit?<BR><BR>Polt: Das kann ich auch nicht erklären. Ich bin da ein bisschen hilflos und weiß nur, die Gisela ist eine komische Person und eine gute Schauspielerin. Aber wir im Zusammenspiel? Vielleicht sind wir einfach nur eine günstig gegensätzliche Konstellation.<BR><BR>In den besten Szenen von "Germanikus" zeigt sich wieder einmal, wie exakt Sie Ihre Umwelt beobachten . . .<BR><BR>Polt: Ja, das gehört einfach dazu. Eine meiner Lieblingsszenen ist die, in der Tusnelda dem Germanikus erklärt: Die Menschen haben einfach kein Herz! Und im Hintergrund hört man die Schreie ihres Sklaven, den sie gerade auspeitschen lässt. So ist es halt im Leben. Das sieht man überall, dieses totale Ignorieren von dem, was gerade um eine Person herum passiert, dieses ausschließlich und vollkommen Mit-sich-selbst beschäftigt-Sein.</P><P>Das Gespräch führte Ulrike Frick<BR><BR></P>

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