Trost spendende Dichtung

- Korea ist das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Obwohl die koreanische Gesellschaft immer noch stark konfuzianisch und patriarchalisch geprägt ist, spielt die Frauenliteratur eine große Rolle im Land der Morgenstille. Oh Jung-Hee gehört zu den erfolgreichsten Erzählerinnen. Als Vorgeschmack auf die Buchmesse wird sie gemeinsam mit Bae Su-Ah morgen ab 20 Uhr im Millerzimmer des Münchner Künstlerhauses zu Gast sein (089/ 59 91 84 25). Doris Schade liest die deutschen Übersetzungen.

<P>Sind Autorinnen in der koreanischen Gesellschaft anerkannt?<BR><BR>Oh Jung-Hee: Mittlerweile schon, aber das war früher anders, obwohl die Frauenliteratur in Korea eine lange Geschichte hat. Es ist historisch belegt, dass es schon vor etwa 500 Jahren Lyrikerinnen gab. Dennoch wurden Dichterinnen noch bis vor etwa vierzig Jahren gesellschaftlich nicht geschätzt. Heute versuchen die Frauen, sich selbst zu finden, und die Zahl der Schriftstellerinnen wächst.<BR><BR>Warum haben Sie sich trotz dieser Widrigkeiten dazu entschlossen zu schreiben?<BR><BR>Oh Jung-Hee: Das ist eine ganz private Geschichte. Als Kind war ich unscheinbar. Im Alter von zehn Jahren wurde ich für einen Aufsatz von meinem Lehrer sehr gelobt, was mir damals viel Selbstvertrauen gegeben hat. Seitdem habe ich mich auf das Schreiben konzentriert. Ich dachte, ich hätte kein anderes Talent. Außerdem habe ich als kleines Mädchen die schweren Zeiten nach dem Koreakrieg miterlebt, was mich sehr unglücklich gemacht hat. In dieser Zeit war mir Schreiben ein Trost.<BR><BR>War es schwer, sich als Frau in dieser Männerdomäne durchzusetzen?<BR><BR>Oh Jung-Hee: Als ich angefangen habe, befand ich mich in einem ständigen Konflikt mit den gesellschaftlichen Anforderungen, eine weise Frau und eine gute Mutter zu sein, und meinem persönlichen Bedürfnis zu schreiben. Jetzt sind meine Kinder erwachsen, und ich fühle mich von diesem Druck befreit. Gut war, dass mich mein Mann in Ruhe hat arbeiten lassen, ohne sich einzumischen.<BR><BR>Ist Frauenliteratur in Korea beliebt?<BR><BR>Oh Jung-Hee: Sagen wir mal so, die Leserschaft stellt keine Minderheit in der Gesellschaft dar. Zum Beispiel hat eine meiner Freundinnen gerade 200 000 Exemplare von ihrem neuesten Roman verkauft. Es gibt zwar auch Männer, die unsere Bücher lesen, aber hauptsächlich sind es junge Frauen. Obwohl ich meine Erzählungen nicht als rein frauenliterarische Werke verstehe. Sie handeln vielmehr von allgemein menschlichen Problemen. Meine Protagonisten sind meistens Frauen, aber das liegt daran, dass mir die weiblichen Probleme vertrauter sind.<BR><BR>Was für einen Stellenwert hat die Literatur in Korea?<BR><BR>Oh Jung-Hee: Lange Zeit stand die Teilung des Landes im Mittelpunkt aller Veröffentlichungen. Die Koreaner verstanden die Literatur als Therapie und verarbeiteten darin die Folgen des Krieges. Heute ist die Teilung nicht mehr das zentrale Thema. Für die Koreaner ist Literatur eine ernsthafte Angelegenheit, und sie erwarten sehr viel von ihr. Deshalb sind die Themen vergleichbar mit der deutschen Romantik, also eher schwermütig und melancholisch.<BR><BR>Ist deutsche Literatur in Korea bekannt?<BR><BR>Oh Jung-Hee: Wir lieben die deutsche Literatur. Zum Beispiel ist Patrick Süskind sehr beliebt bei uns. Ich selbst bin stark von Hermann Hesse beeinflusst worden, nachdem ich in der Schule "Demian" und "Siddhartha" gelesen hatte. Ich liebe auch "Die Deutschstunde" von Siegfried Lenz. Alle Kollegen würden mir wahrscheinlich zustimmen, wenn ich sage, dass wir alle stilistisch viel von Thomas Mann gelernt haben.<BR><BR>Auf der Frankfurter Messe wird sich das geteilte Korea ohne seinen Norden präsentieren.<BR><BR>Oh Jung-Hee: Das bedaure ich sehr. Man hätte das besser zusammen gemacht. Ich kenne zwar keinen nordkoreanischen Autor persönlich, aber ich habe schon einige Werke gelesen. Ich finde sie allerdings sehr eintönig, weil sich die Geschichten immer nur um das Thema Sozialismus drehen. In diesem Jahr soll ein Treffen zwischen Schriftstellern aus dem Norden und Süden stattfinden. Daran würde ich sehr gerne teilnehmen.</P><P>Das Gespräch führte Tanja Moung</P>

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