Trost in Venedig

- Architektur-Biennale: Bereits beim Aussprechen des Wortes denkt man, das könne nur für Eingeweihte von Interesse sein. Kunst-Biennale klingt da schon anders, man sieht vor seinem inneren Auge farbenfrohe Installationen und avantgardistische Performances. Dabei liegen die Inhalte der beiden Ausstellungen gar nicht so weit auseinander, wie jetzt auf der Architektur-Schau in Venedig deutlich wird. Wie internationale Baumeister heute Gebäude selbst in die unwirtlichsten Landschaften eingliedern, das ist Kunst. Und wer glaubte, mit dem Opernhaus von Sydney oder dem Centre Pompidou in Paris schon das kreative Maximum weltweiten Bauwesens gesehen zu haben, wird jetzt am Canal Grande eines Besseren belehrt.

<P>So sieht das auch Francesca Ferguson (37), die Generalkommissarin des deutschen Beitrags bei der Schau, die bis zum 7. November geöffnet bleibt: "Kürzlich sagte mir jemand, die Kunst-Biennale werde immer architektonischer und die Architektur-Biennale immer künstlerischer. Ich habe mich schon immer gefragt, wo die Schnittstelle liegt. Denn die meisten Architekten verstehen sich als Künstler, als verkannte Künstler."</P><P>Fergusons Beitrag zum diesjährigen Biennale-Thema "Metamorph", der in den hohen, lichtdurchfluteten Räumen des deutschen Pavillons zu sehen ist, heißt "Deutschlandschaft". Im Mittelpunkt stehen 38 bautechnische Projekte zur Reaktivierung der gesichtslosen Stadt-Peripherien, die in den vergangenen vier Jahren in Deutschland verwirklicht wurden. Sie sind auf einer 80 Meter langen Fotocollage installiert, die die verschiedenen Entwürfe als Panorama darstellt und auf der Realität und Fiktion verschmelzen.</P><P>Beim Rundgang durch die Giardini und die riesigen Hallen des Arsenals entdeckt der Besucher, wie sehr das weltweite Bauwesen gegenwärtig von Transformationen geprägt ist. Manche Entwürfe bestechen durch funktionale Schlichtheit, andere sehen aus wie monumentale Verkünder einer neuen Zeit, in der es keine geradlinigen Formen, keine traditionellen Sicherheiten mehr gibt.</P><P>So wie etwa das Projekt für das Max-Reinhardt-Haus in Berlin: Ein 34 Stockwerke hoher Koloss, der als dreidimensionale geometrische Form mit endloser Oberfläche angelegt ist. Die beiden Gebäudeteile, die vom Amerikaner Peter Eisenman (72) erdacht wurden, wirken wie gewölbte, in sich verschlungene Türme, die sich sanft Richtung Erde neigen und dabei verschmelzen.</P><P>Die Biennale, die in diesem Jahr unter der Leitung des Schweizers Kurt W. Forster steht, ist in verschiedene Komplexe unterteilt, die sich unter anderem mit Themen wie Topographie, Oberflächen, Konzerthallen und Atmosphäre auseinander setzen. Eines der ausgefallensten Projekte in Venedig ist das Beukenhof-Krematorium, ein irreales und suggestives Gebäude für Beerdigungszeremonien in den Niederlanden. Es wartet u.a. mit einem "Consolation Room" auf, der sich wie ein Trost spendendes Fenster auf die Außenwelt öffnet. Der Entwurf wirkt so futuristisch, als wolle man mit der Zukunfts-Architektur die Angst vor dem Tod bezwingen.</P>

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