Der Trotz ist verflogen

- Aus Frust über ein im Japan der 80er-Jahre noch vorherrschendes konventionelles Kunstverständnis, angeregt auch durch die damalige grenzgängerische Avantgarde Robert Wilson, Laurie Anderson, Pina Bausch u. a., gründeten Studenten der Universität Kyoto 1984 eine auf multimediales Tanztheater setzende Gruppe und nannten sie provozierend "Dumb Type": "Dummkopf", als trotzige Antithese zur Hochkultur. Nach ihrem Gastspiel vor zehn Jahren sind die Dummköpfe wieder zu Gast in der Münchner Muffathalle mit ihrer jüngsten Arbeit "Voyage" (Reise).

Wie hat das Kollektiv sich in diesen zehn Jahren verändert? 1995 zeigten sie hier ihr Stück "S/N", in dem sich einer der Gründer, der schon verstorbene Teiji Furuhashi, auf der Bühne als HIV-Infizierter outete. Das war weniger ein Schock für die damals längst an Tabuthemen im Theater gewöhnten Europäer als für Japaner, die traditionell negative Dinge eher euphemistisch umgehen. Aids ist, wie man erfährt, bis heute kein Thema in den japanischen Medien. Das jetzt mitgebrachte Stück sei aber nicht gesellschaftskritisch engagiert, habe keine eindeutige Aussage, meint der 41-jährige Shiro Takatani, ebenfalls ein Gründungsmitglied. Und das ergäbe sich schon aus der ganz anderen Form: "Zu ,N/S’ haben damals alle 15 Mitglieder Ideen und Ansichten zu einem Thema beigetragen. Dieses Mal gibt es acht verschiedene Gruppen, die jeweils ihr eigenes Stück machen, ihren Weg, ihre persönliche ,Reise’ gestalten."

Man muss sich das wohl als parallel laufende und sich überschneidende Spiel-Inseln vorstellen, die Takatani als Dramaturg-Regisseur in dem jeweils neuen Gastspiel-Raum organisiert. Es geht um so unterschiedliche Sujets wie Mikro- und Makrokosmos oder Überleben und Rettung. Der Zuschauer solle sich ganz individuell von den tänzerisch bewegten Bildern anregen lassen. Wie Takatani erklärt, kommen die Tänzer zum Teil vom klassischen Ballett her, haben aber auch modernen und zeitgenössischen Tanz studiert.

Es ist die Öffnung für andere Disziplinen, die die Gruppe ursprünglich beflügelt hat. Takatani: "Ich habe Architektur studiert. Bin dann auf Kommilitonen gestoßen, aus der bildenden und der Video-Kunst, aus dem Theater, der elektronischen Musik, alles interessierte Studenten, die sich nicht auf ein Fach beschränken lassen wollten." So entstehen neben den Theaterarbeiten auch eigenständige Installationen, die in Tokio, Korea, Frankreich, Deutschland und im Museum of Modern Art in New York ausgestellt werden. Auch nach 21 Jahren leidet die Gruppe offensichtlich nicht unter Ermüdungserscheinungen. "Für uns gilt, dass die Technik sich immer weiterentwickelt und so immer neue Aufgaben stellt."

Japan, ein hochtechnisiertes Land, in dem junge Leute per Internet Gleichgesinnte für einen Gruppenselbstmord suchen? Da kann nur ein Japaner mit dem wissend distanzierten Blick von außen antworten: "In Japan gibt es keinen Paartanz. Man berührt sich nicht, man hat kein Gefühl für den Körper", meint der hilfreich übersetzende Wahl-Münchner Toshio Kusaba. "Und da die jungen Leute oft in einer virtuellen Welt leben, meinen sie das Leben an- und abschalten zu können wie den Computer."

Heute und morgen, Muffathalle, 20.30 Uhr.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Zuschauer des BR-Fernsehens kennen Vivian Perkovic von den Sendungen „Jetzt mal ehrlich“, „Puls“ und „on3-Südwild“. Seit einem Jahr ist die 39-Jährige, die etwa auch …
„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
„Zombie“ war der größte Hit der Band The Cranberries. Völlig überraschend ist Sängerin Dolores O’Riordan jetzt mit 46 Jahren gestorben. Unser Nachruf: 
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Wie ein normaler Arbeitstag bei den „Philis“ aussieht, verrät der Soloflötist Herman van Kogelenberg (38). Wir begleiteten ihn von der Probe am Samstag bis zum Konzert …
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben
Er ist der „Master of Puppets“ des deutschsprachigen Theaters. Jetzt hat Nikolaus Habjan fürs Münchner Residenztheater „Der Streit“ von Marivaux inszeniert. Lesen Sie …
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben

Kommentare