Troubadour der Fortpflanzung

München - "Von der Lyrik verdammt verzogene Kerle. Hochstapler der Schwindelei!" ­ sagt Gilles, der Drehbuchautor, zu seinem Freund Castello. Beide lümmeln sie gleichermaßen träge am Swimmingpool der angemieteten Lusxusvilla in St.Tropez.

Vordergründig gilt die Lyrik-Attacke dem französischen Sängerstar der Rockband "Noir Désir", Bertrand Cantat, der in durchzechter und durchgekokster Nacht in einem Hotel in Vilnius seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Marie Trintignant, die er wie keine andere liebte, erschlagen hat.

Diese "Sänger von Liebesliedern" ­ "Troubadoure der Fortpflanzung! 365 Tage Frühling im Jahr!" Eine zynische Häme, die auch vom Autor jener Zeilen durchaus selbstironisch gemeint sein dürfte.

Albert Ostermaier (41), der Münchner Lyriker und Stückeschreiber, hat seinen ersten Roman vorgelegt: "Zephyr", vital im Stil, kraftvoll im Ausdruck, in der Handlung permanent die Ebenen wechselnd zwischen der Wirklichkeit der Gegenwart, der irrealen Vorstellungswelt der zentralen Figur Gilles und der real stattgefundenen, zurückliegenden Geschichte des prominenten Mordes.

Dazu immer noch ein bisschen Ostermaier pur. Die erste Hälfte des Romans strotzt nur so vor plastischen Lyrismen, Wort-Ornamentik und expressionistischen Dialogen. Hinter jedem Wort ein Abgrund. Hinter jedem Satz das Chaos. Gegen Ende findet Ostermaier zu fließendem Stil ­ und sein Hauptdarsteller Gilles immer mehr zu sich selbst. Eine Prosa, nach der man süchtig werden könnte. Vorausgesetzt man bekennt sich zur eigenen winzigkleinen poetischen Kitsch-Ecke im sonst so abgebrühten Herzen. Denn auch Ostermaier gibt sich nicht ganz kitschfrei dem Sog der starken und gefühligen Wortbilder hin. Und man folgt ihm nur zu gern bei Sätzen wie diesen: "Der Eisregen fällt gefrorenen Tränen gleich aus dem Himmel, dessen Azur dem Schwarz der Nacht weichen musste." Man genießt sie wie ein Zuckerstückchen, das der Autor übrigens selbst einst für würdig fand, in einem Theaterstück den Hauptpart zu übernehmen.

Zurück zu "Zephyr". Mit dem Titel ist nicht nur eine Pariser Szene-Bar, "bekannt für Austern um Mitternacht", gemeint. Ostermaier schwingt sich mit dem Titel und den daraus folgenden Anspielungen und Zitaten vielmehr hinauf in die symbolträchtigen Höhen der Antike, in der Zephyros, der Westwind, keine geringe erotische Rolle spielt. Ein bisschen hochtrabend vielleicht, bewahrt doch der Ausflug in die Mythologie der Götter und Halbgötter den Autor vor dem Abrutsch in die Kolportage.

Worum geht's in dem Roman? Der Schriftsteller Gilles hat den Auftrag, ein Drehbuch zu schreiben: die wahre Geschichte über Marie und Bertrand. Irgendwie gelingt es ihm nicht, diese spektakuläre Beziehungskiste in den Griff zu bekommen; denn er hat das eifersüchtige Gefühl, dass seine eigene Beziehung, die Ehe mit Cathy, selbst nicht krisenlos ist. Bei dem Versuch, das Private wie auch den schriftstellerischen Auftrag und die Recherche dazu zu bewältigen, verwischt sich in seiner Fantasie immer wieder die eigene Situation mit der des gewalttätigen Rockstars.

Ein psychisches Desaster, das noch verstärkt wird durch jenen Swimmingpool in der gemieteten Villa, in dem eine Leiche gefunden wurde. Real? Oder nur die aus dem Film "La Piscine" mit Romy Schneider und Alain Delon, der vor vielen Jahren genau an diesem Ort gedreht wurde? Alles wird immer undurchschaubarer. Was hat es mit dem Kommissar auf sich, der Gilles besucht? Und wo ist der Immobilienagent geblieben, der gerade noch am Pool saß? Ist der vertraute Freund und Lebenshelfer Costello tatsächlich freiwillig verschwunden? Und warum schläft Cathy so tief und fest auf dem Bauch mit einem Kissen über dem Kopf? Was den Autor von "Zephyr" bewegt: Wie sehr verwandelt sich ein Schriftsteller, in diesem Fall der aus Ostermaiers Roman, in den "Helden" seines literarischen Produkts, also in Bertrand, dessen Geschichte Gilles zu schreiben versucht? Spuren, denen der Leser bedingungslos auf der Spur bleibt.

Ostermaiers Romandebüt: ein raffiniertes, immer spannender werdendes Vexierspiel. Dazu hat dieser Münchner Dichter noch den Mut, sich aus der vielfach gespiegelten Fiktion und mehrfach gebrochenen Wirklichkeit selbst nicht herauszuhalten. Darin liegt die verführerische Besonderheit dieses Buchs.

Albert Ostermaier:

"Zephyr". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 222 Seiten; 17,80 Euro.

Zur Buchpremiere am kommenden Samstag veranstalten das Bayerische Staatsschauspiel eine Lesung mit Nina Kunzendorf, Herbert Grönemeyer, Stefan Hunstein, Axel Milberg und Thomas Thieme (Marstall, 22 Uhr).

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