Der Trugschluss des Auges

- Die Kamera ist ein spukender Spion. In gleichmäßigem Fluss umkreist sie ihre Objekte - Menschen in ihren, vor ihren Häusern -, überwindet mühelos Mauern und Stunden, spielt mit der Wahrnehmung. Sie ist es, die in diesen vollendeten Kompositionen aus farbiger Melancholie, existenziellen Ängsten und stillem Glück den Betrachter in ihren Bann schlägt.

Es ist der zweite Teil des Ausstellungszyklus' "Imagination Becomes Reality" in der Münchner Sammlung Goetz, er passt dem Bau, dieser fenster- und zeitlosen, grauglatten Wunderschachtel von Herzog/ de Meuron wie angegossen: "Painting Surface Space" ist die Schau überschrieben: Bilder, die zur dreidimensionalen Oberfläche, zur Architektur hin streben. Sieben Künstler präsentiert die Sammlung diesmal, sieben aktuelle Modellbauer im malerischen Raum, die völlig neue Gedankenräume öffnen.

Illusionsschleifen ohne erkennbaren Beginn sind die Fotografien und Filme des amerikanischen Künstlerduos Teresa Hubbard und Alexander Birchler. Dadurch verschwimmt die Kausalität der Geschehnisse in ihren betörenden Geschichten voller sanfter, symbolhafter Tragik: Wunderliche Begebenheiten werden zu Alltäglichem. Das ist bei Hubbard/Birchler die Poesie im düsteren Idyll - immer auch inspiriert durch die Literatur. Nicht allein zu ihrem fotografisch-gefilmten, lakonischen Zyklus "Gregor's Room" lasen sie Kafkas "Verwandlung".

Die Bilder Eberhard Havekosts sind der malerische Umkehrschluss dieser Filme. Sie wirken wie die realistischen Abbilder von unheimlichen Orten und Situationen; erst bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Trugschluss des Auges: die Unvollkommenheit; fehlende Details, mit welchen der Maler vorgefundene Bilder in gespenstische Richtungen lenkt. Täuschungen des Sehsinns, so könnte man auch die Arbeiten von Veron Urdarianu, Frank Nitsche und Julian Göthe zusammenfassen - obschon die sich vollkommen unterschiedlicher Verfahren bedienen. Urdarianu verwendet für die Hintergründe seiner erdfarbenen Malereien Klebestreifen und öffnet so überraschend einfach plastische Räume, die seine Objekte friedvoll einhüllen. Nitsche benötigt die Vorstellungskraft des Betrachters als Dialogpartner seiner vieleckigen Vexierformen, die geschickt mit farbigen Flächen und Umrandungen spielen. Das kantige Motiv wiederholt sich auch in den schwarzen expressionistischen Scherenschnitten Julian Göthes. In seiner beeindruckenden Skulptur "Kontakt" rahmt es ein Video, innerhalb dessen das einzoomende Abfilmen schwarz-weißer Fotos oder Stiche - hinter dem Vorhang eines atmenden schwarzen Fadengewirrs - Bilder zu Räumen erwach(s)en lässt.

Am unnahbarsten erscheinen jedoch die wirklichen "Räume", die theatralen Staffelkulissen Lothar Hempels. In "Die schwarze Stunde" etwa machen es sich Pappfrauen aus nostalgischen Foto-Reprints zum nächtlichen Picknick gemütlich, umgeben von leuchtenden Glühlampen und Benham-Scheiben. Als seien sie die Probanden eines optischen Experiments, nicht unähnlich demjenigen, in dem sich der Besucher von "Painting Surface Space" befindet.

Bis 14. Januar 2006, Mo.-Fr. 14-18 Uhr, Sa. 11-16 Uhr, Oberföhringer Str. 103. Info und Anmeldung: 089/ 95 93 96 90; www.sammlung-goetz.de. Der Katalog kostet 30 Euro.

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