Trunkener Saal

- An künstlerischem Selbstbewusstsein mangelt es ihr sicher nicht - dennoch scheint Anna Netrebko unterschätzt zu haben, zu welchen Begeisterungsstürmen sie das Münchner Publikum hinreißen würde. Und brachte nur eine Solo-Zugabe mit. Ihr Partner im Festspiel-Galakonzert in der Staatsoper, der Tenor Ramon Vargas, wusste es besser - und hatte deren zwei in petto. Am Ende vereinigten sich beide Künstler zum begierig erwarteten Trinklied aus "La traviata", und auch der Saal war von tobender Trunkenheit nicht mehr weit entfernt.

Dass der Abend für die russische Sopranistin ein Triumph werden würde, war rasch abzusehen. Netrebkos Sopran bezauberte durch eine mezzo-weiche Sonorität - ein fest gefügtes Fundament, von dem aus sie mühelos und mit größter Legato-Präzision Spitzentöne erreichte. Koloraturen wie in der Kavatine der Lucia di Lammermoor erklangen mit einer Brillanz und Natürlichkeit, als seien sie der Stimme von Geburt an mitgegeben. Eine Gefahr: Im Französischen mit seinen differenzierten, teils nasalierten Lauten neigte Netrebko - mehr als im italienischen Fach - zur Vokal-Abdunkelung, die den Klangreichtum beider Sprachen nivellierte.<BR><BR>Ramon Vargas verfügte in Stücken wie Donizettis "Una furtiva lagrima" vom Pianissimo bis zum Mezzoforte im mittleren und hohen Register über betörend expressive Farbigkeit. Im Fortissimo und bei der Attacke etwa der exponierten Töne in der Kavatine des Romé´o bekam die Stimme eine kopfig-scharfe Färbung, die mit dem sonst gut balancierten Register-Zusammenhang nicht optimal harmonierte. Eine gewisse Theatralik, etwa der Schluchzer im finalen Intervallsprung von Des Grieux' "Fuyez!" aus "Manon": Geschmackssache.<BR><BR>Das Bayerische Staatsorchester stand unter Leitung von Marco Armiliato dem sängerischen Glanz in nichts nach und zelebrierte die Exotismen im Bacchanale aus "Samson und Dalila" ebenso lustvoll wie die zauberhaften Bläser-Streicher-Registrierungen in den Donizetti-Stücken.

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