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Teppiche, Kissen und Wasserpfeifen werden bei diesem Picknick-Platz im Ganj-Nameh-Tal bei Hamadan gegen einen Obolus zur Verfügung gestellt. Die Jugend trifft sich hier zum von allen Iranern geliebten Freizeitvergnügen.

Gespräch zur Ausstellung

Tschador und Tabu-Bruch

München - „Picknick in Persien“ ist nicht gerade das, was unsereinem beim Stichwort „Iran“ einfällt. Und genau dieses Unbekannte hinter dem Klischee von der aufgepeitschten islamischen Menge hat die Münchner Künstlerin Beate Passow neugierig gemacht.

Von einem Freund ihrer Galeristin hatte sie gehört, dass die Iraner für ihr Leben gern picknicken. Eine alte Tradition, die schon die Perser pflegten. Zusammen im Freien schnabulieren, ist nicht nur ein Wochenendvergnügen, sondern eine Freude, die man sich möglichst oft gönnt. Passow, die seit Jahren mit ihrer Kunst hinter die (Tourismus-)Kulissen von Kulturen wie der chinesischen, pakistanischen oder tibetanischen schaut, ist in diesem Spätsommer 3000 Kilometer durch den Iran gefahren, unterstützt vom Reiseveranstalter Studiosus, der auch einen Führer stellte. 14 größerformatige und einige kleinere Arbeiten sind ab morgen in der Galerie Carol Johnssen sozusagen taufrisch von der Rundtour Teheran, Hamadan, Kermanschah, Ahwaz, Shiraz, Yazd, Isfahan, Qom, Teheran ausgestellt.

Die Münchnerin ließ sich mit ihrer Fotoarbeit auf die Menschen ein, die uns Westlern am nächsten sind: auf den Mittelstand, das städtische Bürgertum. Es steht im Mittelpunkt der Serie trotz der beiden Lastwagenfahrer, die aus diesem Rahmen fallen. Aber auch sie ruhen im Schatten ihres Schleppers genauso wie zum Beispiel die „bourgeoise“ Familie in dem der französischen Limousine. Gesittet sitzt man auf der Decke, zieht natürlich die Schuhe oder Schlappen aus und genießt neben Fladenbrot, Tomaten, Wassermelone und dem unerlässlichen schwarzen Tee gern mal das Wasserpfeifchen. Selbst eine ganz den Mullah-Wünschen angepasst gewandete Frau – wohl der Anstandswauwau des jungen Paars – nuckelt an einem Pfeifenrohr. „Verboten!“, erklärt Passow.

Ein weiterer Schwerpunkt des Werks sind die Frauen. Gerade in dieser Schicht sind sie, so sieht das die Künstlerin, auf dem Sprung, sich zu befreien: „Sie sind gebildet, tragen Jeans, haben ihren Laptop, arbeiten, weil die Familien von einem Einkommen gar nicht leben könnten – und die Mütter scheinen das zu gestatten, helfen außerdem bei der Kinderbetreuung mit.“ Da werden Tabus gebrochen: Auf zwei Fotografien sind unverheiratete Paare ohne Begleitung zu sehen. „Das gibt es eigentlich gar nicht“, schmunzelt Passow, „das darf nicht sein – aber sie tun es natürlich...“ Auf einem anderen Bild sitzen junge Frauen in einem Tankstellen-Bistro. Nichts Besonderes in unseren Augen, aber „nackte Füße und Rauchen! Beides absolut unmöglich. Das ist sehr mutig von den beiden.“ Jederzeit könnten Sittenwächter mahnen und die Familie bestrafen. Allerdings seien vor der kommenden Wahl im nächsten Jahr die Kontrollen nicht streng. So lassen viele der attraktiven Damen überraschend viel Haar sehen.

Natürlich tauchen auf den Aufnahmen ebenfalls Frauen auf, die komplett schwarz verhüllt sind und den Kopf bis in die Stirn bedecken. Gerade in Isfahan in der Grünanlage des Imam-Platzes vor der Lotfullah-Moschee hat Passow das ganze Spektrum getroffen. Manchmal sogar in einer Familie: die selbstbewussten Töchter mit Handy und locker gestecktem Tuch, die sogar offen vom Auswandern reden, und die Älteren im Tschador. Wer mit einem Beamten verwandt ist, hat ohnehin keine Wahl, erzählt die Künstlerin. Da ist Tschador Pflicht. „Ausrutscher“ würden Repressionen gegen den Vater/Mann nach sich ziehen. Problemlos darf hingegen der Verschönerungssucht gefrönt werden: Stolz lassen sich die Iraner mit Nasenverband ablichten. Konnte man sich doch eine Korrektur des ungeliebten Riechkolbens leisten.

Wie überhaupt Passow erstaunt war, wie wenig sie im Land vom Druck des Mullah-Regimes spürte, wie offen die Menschen mit ihr sprachen, sogar über die Ahmadinedschad-Regierung schimpften oder sich entschuldigten, dass der Gast ein Kopftuch tragen musste. „Erst in Qom, der ,Mullahfabrik‘, wurde für mich fühlbar, wer die Macht ausübt. In der heiligen Stadt gibt es nur Mullahs und schwarz gekleidete, dienende Frauen. Dort wurde ich zum ersten Mal ermahnt, alle Haare zu verdecken. Ich musste einen geblümten Tschador anziehen – nur Gläubige dürfen den schwarzen tragen –, um in das Heiligtum eintreten zu dürfen. Ich wurde auf ein Stühlchen gesetzt und musste warten, bis mein Guide die Erlaubnis dazu eingeholt hatte. Da spürte ich, wer die Macht und das (Öl-)Geld hat. Die Mullahs bestimmen alles.“

Ab Mittwoch bis 11.1. 2013; Di.-Fr. 13-18 Uhr, Sa. nach Vereinbarung; Telefon 089/ 280 99 23; Galerie Johnssen, Königinstraße 27; Preise von 800 bis 5500 Euro.

Simone Dattenberger

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