Ein Tüftler zwischen Avantgarde und Tradition

- Alle Hartmannologen versammelte Ulrich Dibelius um sich und gab mit ihnen eine "Werkbiographie" heraus (der Terminus "Festschrift" wurde vermieden) - als Vorgeschmack auf Karl Amadeus Hartmanns 100. Geburtstag am 2. August 2005. Der relativ geringe Bekanntheitsgrad dieses großen Münchner Musikers entspricht ganz und gar nicht seiner Bedeutung. Schon der Gedanke an einen 100. Geburtstag wird viele staunen lassen, war doch sein (von ihm selbst nicht unterdrücktes) Schaffen auf 18 Jahre komprimiert.

<P>Erst nach 1945 wurde er erkannt und bekannt, nach seiner konsequent eingehaltenen "inneren Emigration". Danach folgten, in den Jahren seiner Wandlung vom Sozialisten zum Humanisten, die Zeiten der Konzertreihe "musica viva", also eines ruhmreichen Kapitels der Münchner Musikgeschichte.</P><P>Die verzögerte Wirkung seines Gesamtwerks hat noch einen anderen Grund: Für den Musikliebhaber war dieses schwer zu erobern, und für die Avantgarde war Hartmann schon Traditionalist. Dieses Buch schlägt nun einen großen Bogen von den weitgehend unbekannten oder vernichteten Jugendstücken zum Spätwerk.</P><P>Barbara Zuber etwa analysiert umfassend die letzten Symphonien, deren komplizierte Formen sich aber ohne das Mitlesen in der Partitur nur schwer erschließen. Auf die Vor- und Frühgeschichte des Schaffens geht Egon Voß ein, mit Hinweisen auf Hindemith, Strawinsky, Weill und den - überschätzten - Einfluss des Jazz. Christoph Lucas Brehler schließt sich dem an, ergänzt um die Studienzeit an der Münchner Akademie: Hauptfach Posaune (etwas "Greifbares" musste sein) und Komposition bei Joseph Haas. Größere Gegensätze als bei seinen Lehrern lassen sich kaum ausdenken: Haas, Scherchen (der Mentor und ideologisch Gleichgesinnte), während des Krieges Anton Webern in Wien.</P><P>Eingehend erläutert Hartmut Lück Hartmanns politisch "linke" Position. Von besonderem Gewicht ist Andreas Jaschinskis Beitrag über Hartmanns zentrale Schaffensgattung, die Symphonie. Ein schwieriges Terrain: Ständig wechseln Reihenfolge, Inhalt und Titel dieser Werke, aber auch Zielsetzung und "Bekenntnis" (ein Begriff, den der Komponist nicht hören wollte). Auch Andrew McCredie bezieht Stellung zu diesem Komplex, dazu aber auch zu Hartmanns frühem Interesse an Bartó´k und Kodá´ly, überhaupt an ungarischer und an jüdischer Musik, die er später zu symbolischer Bedeutung erhob.</P><P>Auch bei der Grimmelshausen-Oper "Simplicius Simplicissimus" gibt es zwei bemerkenswert unterschiedliche Fassungen, die Rüdiger Behschnitt genau analysiert. Hartmann war ja ein Tüftler, der langsam arbeitete und immer wieder ausprobierte. Werner Heister geht darauf ein in einem Abschnitt über die konzertanten Werke, die sich schwer gegen Symphonisches und Kammermusik abgrenzen lassen. Auch er berücksichtigt - nicht leicht lesbar - die Beziehungen zu osteuropäischer Musik und die politische Ausrichtung des Komponisten. Beides thematisiert, ausgehend von Hartmanns Beitrag zur Gemeinschaftskomposition "Jüdische Chronik", auch Ulrich Dibelius auf sensible Weise im Schlusskapitel. </P><P>Barbara Haas betrachtet Hartmanns problematisches Verhältnis zu Orff und Egk. In einem Brief an den Kollegen Egon Wellesz hieß es noch, Orff sei "ein vollständig unkünstlerischer Mensch". Erst Mitte der 50er-Jahre und ausgelöst durch die musica viva scheint die allseitige Wertschätzung um sich zu greifen.</P><P>Originelles aus der Familiengeschichte</P><P>In einem Auszug aus Hartmanns "Kleinen Schriften" steht ein wichtiger Satz, dessen Gültigkeit für diese Publikation nur teilweise relevant scheint. Ein Kunstwerk "braucht nicht verstanden zu werden in seinem Aufbau oder seiner Technik, sondern es soll verstanden werden in seinem Sinngehalt".</P><P>Den Menschen Hartmann erschließt eine glänzende Perle inmitten der grauen Theorie: was nämlich die Witwe Elisabeth Hartmann erzählt und was Dibelius - in ihrer originellen Diktion - aufgezeichnet hat. Der (einzige) Sohn Richard ergänzt die Familiengeschichte informativ und anekdotisch. Wertvoll ist das Werkverzeichnis, wertvoll das ganze Buch - trotz vieler, stellenweise störender Überschneidungen. Und verwunderlich ist, zumindest aus Münchner Sicht, dass der Name des Hartmann-Vorkämpfers Rafael Kubelik im Text nicht vorkommt.</P><P>"Karl Amadeus Hartmann - Komponist im Widerstreit"<BR>Herausgegeben von Ulrich Dibelius<BR> Bärenreiter Verlag, Kassel, 347 Seiten; 29,95 Euro.</P>

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