Tüllröckchen am Christbaum

- Mit der "Terpsichore-Gala V" eröffnet Ivan Liskas Staatsballett die neue Saison. Und da wird das Münchner Nationaltheater nicht nur mit heimischen Sternen leuchten, sondern auch mit Stars aus England, Russland und den USA. Vom illustren New York City Ballett (NYCB) kommt erstmals Kyra Nichols: eine Ausnahmeballerina, die vom großen George Balanchine 1974 mit gerade mal 16 engagiert wurde, mit 21 zur Etoile avancierte und unter dem jetzigen NYCB-Chef Peter Martins immer noch aktiv ist. Heute Abend tanzt sie das Balanchine-Solo "Pavane".

Ihre Mutter war schon im NYCB . . .

Nichols: Vier Jahre. Dann hat sie geheiratet, drei Kinder bekommen, tanzte wieder in der San-Francisco-Company ihres ehemaligen NYCB-Kollegen Alan Howard und machte dann eine Schule auf. Als sie mir zu Weihnachten ein Trikot mit Tüllröckchen an den Christbaum gehängt hatte, wusste ich: Ich werde Tänzerin. Mit vier fing ich bei ihr an. Sie ist auch jetzt mitgekommen. Morgen machen wir zusammen ein Exercice und gehen die "Pavane" durch . . . Und mein ältester Sohn, er ist neun, tanzt jetzt schon im "Nussknacker" mit.

Familie und dennoch tanzen, heute kein Problem mehr?

Nichols: Auch bei Balanchine nicht. Er wollte nur nicht, dass "irgendwelche" Männer ihm seine Ballerinen wegnahmen. Und jetzt bei Peter Martins habe ich das große Glück, mir ganz nach Wunsch Ballette aussuchen zu können. Wir wohnen ja auch in Princeton, N. J. etwa eineinhalb Stunden von New York entfernt. Und ich bin schon dabei, selbst zu unterrichten, das weiterzugeben, was ich von Balanchine gelernt habe, von seinen Musen Suzanne Farrell und Patricia McBride. Nicht nur Technik, sondern wie sie ihr Haar machten, sich auf die Vorstellung vorbereiteten, ja, was es bedeutet, eine Ballerina zu sein. Dieses Bewusstsein gibt es heute kaum mehr. Dieses "Ladylike", diese Noblesse, wie sie zum Beispiel Alexandra Danilova noch als Balanchines bejahrte Pädagogin ausgestrahlt hat. Ich selbst habe auch immer lieber in schönen Chiffonkleidern getanzt, als in den Ganzkörpertrikots, lieber zu Musiken, die mich emotional bewegten als zu Musiken, wo ich vor lauten Zählen nicht zu einem gefühlsmäßigen, einem dramatischen Ausdruck komme.

Man hat aber immer vor allem auf Ihre brillante Technik gesetzt. Um das Dramatische in Ihnen auszuleben, hätten Sie doch eher zum American Ballet Theater mit seinem Repertoire auch aus Handlungsballetten wechseln müssen.

Nichols: Man kann auch in Balanchines abstrakten Stücken dramatisch sein. Ein Wechsel kam für mich nie in Frage. Balanchine hat zwar nichts für mich kreiert. Ich war noch zu jung und er in fortgeschrittenem Alter, wo er verständlicherweise lieber mit ihm sehr vertrauten Tänzern gearbeitet hat. Aber: Ich habe alles zu tanzen bekommen. Und er hat mir die Freiheit gelassen, Partien, die ich von Farrell, McBride oder anderen übernahm, mit meiner Persönlichkeit zu füllen, meiner eigenen Musikalität. Ich habe Farrells spezifische Handbewegungen vereinfacht, in der Phrasierung andere Akzente gesetzt. Und dann haben Jerôme Robbins und Peter Martins für mich kreiert. Ich hatte eine so vollkommen erfüllte Karriere. Und jetzt, wo meine Kinder Priorität haben, gehe ich so entspannt auf die Bühne und kann das Tanzen voll genießen.

Das Gespräch führte Malve Gradinger

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