Türkische Lebensfreude

- Der Vater starb, noch bevor sein Bub geboren wurde. Johann Michael Wittmer kam am 15. Oktober 1802 in Murnau auf die Welt. Sein Papa mit dem gleichlautenden Namen war Maler gewesen, aber der Stiefvater hatte später für dessen Sohn eine andere Laufbahn vorgesehen.

Die Goldschmiedelehre brach Wittmer jedoch ab, als er merkte, dass selbst seine autodidaktisch entstandenen Bilder Abnehmer fanden. 1820 hatte er die erste große Hürde genommen, er durfte an der Kunstakademie in München studieren; musste sich allerdings finanziell alleine durchbringen.

Cicerone für Kronprinz Maximilian

Mit der Ausstellung "Johann Michael Wittmer 1802- 1880 - Ein Maler in Murnau und Rom" erinnert das Schlossmuseum Murnau in einer Sonderausstellung an den vergessenen Künstler. Immerhin befinden sich Werke von ihm in vielen wichtigen Sammlungen bis hin zu der Collection von Königin Elizabeth - sie hat denn auch zwei Gemälde ausgeliehen -, und er schuf zum Beispiel Altarblätter und Fresken für viele Kirchen, darunter Murnaus St. Nikolaus.

Brigitte Salmen, Museumschefin, will Wittmers Wirken wieder ins Bewusstsein rufen und ihn gegen Arroganz verteidigen: "Er ist besser als sein Ruf." Sie will ihn weder in die Schublade "Nazarener-Frömmler" noch in die "Epigone von Joseph Anton Koch" (der Schwiegervater) stecken lassen. Und das gelingt mit der informativen und vielgestaltigen Präsentation sehr gut.

Denn Wittmer, der am 9. Mai 1880 in München starb, hat kein einseitiges uvre hinterlassen. 1823 kam er mit Hilfe eines Stipendiums nach Rom und reihte sich in die Menge der Italien-Begeisterten ein, stieß also zu Deutsch-Römern wie Koch, Friedrich Overbeck oder Bertel Thorvaldsen. Der Künstler durfte aber auch 1833 den Cicerone spielen für Kronprinz Maximilian, Sohn Ludwigs I. Mit ihm kam er über Italien nach Griechenland und in die Türkei. Im Schlossmuseum kann man diese Lebensreise im Schnelldurchlauf mitverfolgen. Hier noch der lebensgroße, mustergültige Männerakt, eine Akademiearbeit, dann Porträts von Murnauer Bürgersleut', eine ehrliche, saubere Bildniskunst, und, schwupp, die Akropolis von Athen, Trojas Ebene und wunderbar heitere Szenerien aus der Türkei.

"An den süßen Wassern Asiens" - ganz klein sieht man auch die bayerische Besuchergruppe im rechten Bildmittelgrund - war so erfolgreich, dass auch der württembergische König eine Version davon kaufen ließ. Beide "Wasser" sind nun in Murnau zu vergleichen. Wittmer zeigt seine ganze Freude, die Landschaft mit zahllosen Personen zu bestücken und fast genauso viele Geschichten zu erzählen: von der zarten Tänzerin, den gelangweilten Hunden, den Wasserpfeife-Schmauchern, von spielenden Kindern und bunten Kutschen, die von Murnau-Werdenfelser Rindern (!) gezogen werden. Damals war das nicht nur ein Augenschmaus, sondern echte Berichterstattung aus fernen Landen.

Dazu gehörten tanzende Derwische - auf der Galerie verewigte sich Wittmer selbst als Zeichnender - oder der Einzug von Papst Pius IX. in den Lateran (1847), optisch effektvoll vor das Kolosseum gesetzt.

Wittmer war flexibel genug, um sich nicht auf Historiengemälde festzulegen. Er präsentierte Homer so gut wie den damals heiß begehrten alt-britischen (fiktiven) Barden Ossian, der deswegen bei der Queen landete. Er schuf aber auch aus dem Geist der Nazarener eine heilige Katharina, deren Leichnam Engel über den Sinai tragen (Murnauer Kirche), oder eine gemütliche Rast am Brunnen, wie sich's jeder Deutsche in Italien erträumt. Der Reisende im Zentrum des Bildes, der wohl um Wasser bittet, könnte der spätere Max II. sein. Wittmer und seine Frau schauen dabei aus einem Gebäudebogen über alle hinweg - ein schönes Kontrastpaar in Rot und Grün.

Bis 2. Juli, Di.-So. 10-17 Uhr, Oster- und Pfingstmontag geöffnet.

Tel. 088 41/ 47 62 07, Schlosshof 4-5, ausführlicher Katalog: 20 Euro.

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