Tod im Tunnel

- Eine der berühmtesten deutschen Straßen ist Unter den Linden in Berlin, jene Allee, die es, wenn auch schon zu Zeiten der Kurfürsten angelegt, als solche doch erst seit Ende des 18. Jahrhunderts gibt. Beginnend beim einstigen Schloss, führt sie westwärts vorbei an der Staatsoper, dem Zeughaus, der Neuen Wache, dem Reiterstandbild Friedrich des Großen und der Humboldt-Universität. Sie kreuzt die Friedrichstraße und passiert die russische, die britische, die französische Botschaft, um schließlich im Pariser Platz mit Adlon und Brandenburger Tor zu münden.

<P>Ein Boulevard, auf dem sich Geschichte und Geschichten ereignet haben und einst, 1834, der "Centralpunkt der eleganten Welt" war. Eine Promenade, auf der sich Könige und Kaiser, Gelehrte, Künstler und Kokotten, Adel und reiche Bürger, Müßiggänger und Spekulanten präsentierten. Und immer wieder auch das Militär.<BR><BR>Jetzt hat der Schriftsteller Günter de Bruyn den Linden ein neues, nämlich ein literarisches Gesicht gegeben und reiht sich damit ehrenvoll ein in die große Riege jener Dichter und Komponisten, die längst schon dieser Straße ihr künstlerisches Denkmal gesetzt haben. Aber warum nicht noch eines, zumal es von jenen Linden, die Heinrich Heine einst beschrieb oder Paul Lincke flott besang, nach 1945 so gut wie nichts mehr übrig war?<BR><BR>Nun, nach der Wende, sollte der Damm, wie die Berliner ihre Straßen nennen, wieder an alte Tradition und Pracht anschließen. Man bemüht sich allenthalben. Und Günter de Bruyn leistet dazu erstklassig heimatkundliche Hilfe.<BR>In seinem Buch "Unter den Linden" erzählt er von den Anwohnern dieser Straße. Er erfüllt die einzelnen Hausnummern - Prachtbauten, die es in ihrer alten Form heute längst nicht mehr gibt - sozusagen noch einmal mit Leben. Und während er mit einer Fülle von Details aufwartet, ihnen nachspürt, sie ausschmückt mit vielfach Bekanntem, aber auch ganz neu Erkundetem, entsteht daraus für den Leser ein farbiges Stück Zeitgeschichte, in der auch die Schrecken und das Elend der vergangenen Jahrhunderte nicht ausgespart bleiben.<BR><BR>Promenade der Kaiser und Kokotten</P><P>Ganz nah an uns heran rückt der Autor Ort und Stunde, Männer und Frauen: ob er von der unglücklichen Prinzessin Amalie und ihrer Liebesgeschichte mit Trenck erzählt oder von Max Liebermann, dessen Haus die Nummer 7 gleich neben dem Brandenburger Tor war und der angesichts der Nazi-Aufmärsche "gar nicht so viel essen konnte wie er kotzen musste". Und richtig unter die Haut geht die Lektüre, wenn de Bruyn von jenen Menschen berichtet, die sich 1945 in den letzten Kriegstagen im S-Bahn-Tunnel unter Unter den Linden vor dem schweren Bombardement in Sicherheit wähnten - bis die Nazis diesen Tunnel fluteten und alle, vermutlich Tausende, ertranken.<BR><BR>Von akribischer Genauigkeit ist dieses Buch, in dem sich - bewundernswert - Günter de Bruyn als Schriftsteller bewusst zurücknimmt und auf stilistischen oder gar poetischen Glanz, also auf die professionelle Kür verzichtet. Was allerdings das Lesen nicht durchgehend zur puren Unterhaltung macht. Unter dem Aspekt der Schärfung des Geschichtsbewusstseins und des Eintauchens Berlin-Reisender ins alte Preußen wie in die jüngere Vergangenheit darf aber hier dem Autor optimales Gelingen attestiert werden.</P><P>Günter de Bruyn: "Unter den Linden". Siedler Verlag, Berlin; 192 Seiten, 18 Euro.<BR></P>

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