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Orgie der Opulenz: Auch auf überlebensgroßen Live-Videos im Stummfilm-Stil sind die Spielchen von Claire (Brigitte Hobmeier, re.) und Solange (Annette Paulmann) zu erleben.

Premierenkritik

"Die Zofen": Im Tunnel der Begierden

München - Schrecklich-schöne Sensation: Stefan Pucher inszenierte „Die Zofen“ für die Münchner Kammerspiele.

Von Jetzt gibt es Schwarze Löcher also nicht nur im Weltraum, sondern auch im Theater. Und während sie in den Weiten des Alls die Materie um sich herum verschlingen, saugt es auf der Bühne die Blicke der Zuschauer förmlich ein, dieses schwarze Loch, dieser Tunnel der dunklen Begierden, den Barbara Ehnes aus Leder, Holz und Spiegeln in die Münchner Kammerspiele gebaut hat. Ganz hinten an seinem Ende steht eine Art Altar, umrankt mit welken Blättern. Schon dieses grandiose Bühnenbild, ein herrlich dekadentes Zwischending aus Heiligtum und Darkroom, ist ein Ereignis – und zeigt an, was da geboten wird: ein Ritual.

Als schrecklich schöne Liturgie hat Stefan Pucher den Sadomaso-Klassiker „Die Zofen“ (1947) von Jean Genet inszeniert, nein: zelebriert. Denn selbst an einer Anspielung aufs Abendmahl fehlt es hier nicht, wenn man in einer Video-Projektion den Rache-Traum der Zofen sieht, die ihrer Gnädigen Frau die Schlaftabletten eine nach der andern auf die Zunge legen als wären es Hostien – neun Stück, eine tödliche Dosis.

Vor allem aber ist dieser Abend eine Orgie der Opulenz, ein Rausch der delikatesten Obszönitäten, eine präzise Choreographie der ausgestellten Gesten oder Blicke, mal untermalt von Orgelklängen, mal von dumpfem Paukenschlag. Und Fetischisten versetzt vermutlich schon das Outfit der Actricen in Verzückung – all diese schwarzen Glockenröcke, Mieder, Pumps und weißen Kniestrümpfe mit Halter.

Verstörend schöne Tunnelspiele

Zu solcher „Vintage“-Ästhetik passt nicht nur die ovale Form des Bühnen-Tunnels, die an Urgroßmutters Bilderrahmen aus jener Zeit erinnert, als es noch Zofen gab. Nein, auch die überlebensgroßen Live-Videos im Stummfilm-Stil, die zwischendurch auf dünnen Gaze-Vorhängen flimmern, sind natürlich in Schwarzweiß. Da sieht man etwa, wie die eine Zofe an der Zigarette zieht und dann den Rauch durch einen Strohhalm der andern in den Mund bläst. In diese Schwarzweißwelt der Bediensteten bringt erst die Gnädige Frau im rosa Rosen-Rüschenkleid kitschige Farben. Orange und lila leuchtet nun plötzlich auch die Sadomaso-Röhre.

So richtig funktionieren diese verstörend schönen Tunnelspiele aber nur, weil sie im L’art pour l’art nicht stecken bleiben: Diese erlesenen, luxuriösen Bilder im ovalen Rahmen sind immer beides, Edel-Porno und Zitat zugleich. Da sieht man nicht nur Zofen, die ein Rollenspiel treiben, sondern auch die Darstellerinnen – mit kalkweiß geschminkten Masken-Gesichtern und hingeklatschten Zombie-Plastikhaaren – machen deutlich, dass diese spielenden Zofen nur gespielt sind. Sie chargieren und outrieren so bizarr und so subtil in einem, dass die ironische Brechung nicht bloß komisch wirkt, sondern auch eine Atmosphäre gespenstischer Unwirklichkeit erzeugt.

Piepsende Devotion und röhrende Wildheit

So etwas gelingt nur absoluten Spitzenschauspielerinnen wie Brigitte Hobmeier, Annette Paulmann und Wiebke Puls. Hobmeiers Claire oszilliert derart heftig zwischen piepsender Devotion, röhrender Wildheit und schriller Hysterie, als bestehe sie aus mehreren Persönlichkeiten. Die Paulmann gibt ihre Solange als kuschendes Monster, und die Gnädige Frau der Wiebke Puls ist als schmachtend-affektierte Zicke eine herrlich überdrehte Karikatur. Schon allein, weil diese drei Ausnahme-Solistinnen zusammen auf der Bühne stehen, ist die Aufführung, dieser psychedelisch-surreale Lust- und Albtraum eine Sensation. So eine Stimmungsmischung aus Eiseskälte und brütender Schwüle muss man erst mal hinkriegen.

Dass die Grenzen der begrifflich klar gefassten Realität bröckeln, das ist die eigentliche Erfahrung dieses Abends zwischen Sein und Schein und Video und Wirklichkeit: Ist nicht jedes Spiel immer auch todernst? Am Ende trinkt Claire jedenfalls den Lindenblütentee, mit dem die Zofen eigentlich die Herrin umbringen wollten. Oder sind umgekehrt gesellschaftliche Hierarchien auch ein Spiel, das nur funktioniert, solange alle mitspielen? Schon all diese Fragen bleiben so vage, als seien sie auch bloß ein Spiel. Aber Liturgien stellen eben keine Fragen. Sie spielen einfach nur mit Evidenz. Das ist im Wortsinne betörend – und in diesem Fall grandioses Theater. Jubel.

Weitere Aufführungen:

31. Mai sowie 3., 6., 21. und 27. Juni; Telefon (089) 23 39 66 00.

Alexander Altmann

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